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12. Juli: Panteón Rococó (Mex)

Pantéon RococóKonzertkritik der HNA

Mexico City ist ein Moloch, den Politiker dort gern einmal die „Stadt der Hoffnung“ taufen. Wohl eher ist es eine Endstation für die meisten der 18 Millionen Einwohner. Ein Sumpf aus Armut, Gewalt und Korruption. Dass hier keine Band entsteht, die von Promotion- und Marketingleuten erfunden wird, liegt auf der Hand. Panteon Rococo ist ein Phänomen. Ohne Label verkauften sie auf ihrem ersten Europa-Trip Tausende von CDs. Inzwischen sind ihre Konzertreisen in der Regel komplett ausgebucht.

Beginn: 19.30 Uhr,
VVK: 13 Euro & 1,50 Euro Vorverkaufsgebühr, Abendkasse: 15 Euro

In Mexiko hat sich die 12-köpfige Latin Ska Band ganz in den ersten Rang gespielt. Ihre Version des Bobby Hebb Klassikers „Sunny“, von Panteón in „Sonia“ umbenannt, führte noch vor Metallica wochenlang die mexicanischen Charts an. Ein unverhoffter Erfolg, der fast verwundert, bedenkt man ihre sehr ernste und ambitionierte Unterstützung der Zapatisten-Bewegung und der Chiapas-Gebiete.

Aber vor allem auf der Bühne entwickeln Panteón Rococó ihre unschlagbare Macht. Der treibende Musikstil liegt zwischen Ska, Reaggae und Punkrock. Dazu kommt jeder auch nur erdenkliche südamerikanische Stil und Rhythmus: Rumba, Tango, Merengue, Mariachi fließen in ein grenzenloses Spektakel ein. „Trés Vez Tréz“ (Drei mal Drei), ihr jüngstes Album, wurde von den Radiostationen Mexikos boykottiert.

Panteón Rococó nehmen kein Blatt vor den Mund, sie singen von Korruption und Gewalt und leider wollte das nicht jeder hören. Mit Wut und Sarkasmus packen sie den Ärger über Ungerechtigkeit, Missstände, Armut in ihre Texte und schleudern ihn mit packenden Rhythmen, und enormer Energie in den Raum. Die stilistische Vielseitigkeit ihrer Titel ist gerade für lateinamerikanische Ska-Bands typisch und zeigt, wie viel tiefer man hier mit den Wurzeln der eigenen Musiktraditionen verbunden ist und wie viel ehrlicher mit Folklore umgegangen wird. Zwischen ruhigen, teilweise fast romantischen Parts, und lautem, agressiven Ska entwickeln sich Spannungen, die schließlich in schnellen Tempi ihr Finale finden. Auch Reggae, rockige Riffs, Hardcore-Rhythmen und Punk finden Einzug in die Musik der elfköpfigen Band.

So erhält jeder Song seinen eigenen rhythmischen Akzent, seinen speziellen Charakter und strotzt bei aller Dynamik und Kraft vor mitreißenden und eingängigen Melodien. Hervorragende Instrumentalisten und Sänger sind sie ohnehin.

 
Fiesta, Fiesta Mexicana
Panteón Rococó feierten mit ihren “Compañeros Musicales” im Kulturzelt eine ausgelassene Party

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Es war eines der heißesten Konzerte, die es je im Kulturzelt gab - und damit ist nicht die sommerliche Temperatur unter dem Zeltdach gemeint, es war mit über zwei Stunden eines der längeren Konzerte, und es gab, zumindest in dieser Saison, zum ersten Mal Stage-Diving von der Kulturzelt-Bühne aus.

Nun misst man die Qualität von Konzerten nicht allein an der Energie, die eine Band rüberbringt, an der Dauer des Auftritts oder am Stage-Diving-Faktor, aber was Panteón Rococó, die 11-köpfige Band aus der mexikanischen Provinz Chiapas, am Mittwochabend im Kulturzelt bot, dürfte als die ultimative Gute-Laune-Party des Sommers 2006 in den Jahresrückblick eingehen. Es war, als hätten Manu Chao, The Clash und Madness gemeinsam auf der Bühne gestanden.

Schon der Bandname, basierend auf dem Drama “El cocodrilo solitario del panteón rococó” von Hugo Arguelles beinhaltet ja einen interessanten Gegensatz - einerseits “Panteón”, den antiken Göttertempel, andererseits “Rococó”, den heiteren Stil der Spätphase des Barock.

Und dieses Namenskonzept passt perfekt zur Musik der Gruppe: Mit Wut und Sarkasmus singen sie Texte über die Schattenseiten des Lebens, verpackt in Salsa-, Merengue-, Reggae-, Ska-, Mariachi- und Rock-Rhythmen, die nichts anderes zulassen, als dazu zu tanzen.

“Marco’s Hall”, der Einstieg in das Konzert, beginnt mit ein paar Akkorden auf der Akustik-Gitarre, Gesang kommt hinzu (”Hasta la victoria siempre”), Percussions und eine von der E-Gitarre unterstützte Bläsersequenz, die das Tempo nochmals anzieht.

Die Stimmung unter den Fans, den “Compañeros Musicales”, ist derweil in kürzester Zeit am Siedepunkt angekommen und bleibt dort für die nächsten 120 Minuten. Jeder Song hat seinen eigenen, rhythmischen Akzent, seinen ganz speziellen Charakter, und strotzt bei aller Dynamik und Kraft vor mitreißenden und eingängigen Melodien.

Es geht ums Leben, ums Lieben, ums Tanzen. Es gibt Schnulzen (”La Rubia y el Demonio”) und eine schier unglaubliche Fassung von “Dosis”, die mit dem Intro von Bob Marleys “Redemption Song” beginnt und dem Refrain von Kiss’ “I was made for lovin‘ you” - intoniert von der Bläsersektion - endet. Es geht um Energie und schier überbordendes Temperament.

Am Ende wehte die Fahne der Studentenproteste über der Bühne, und das Publikum folgte der Band bereitwillig “nach unten” und “nach oben”, bevor es auch die finale Aufforderung beherzigte: “Springen!”

Von Wilhelm Ditzel / HNA

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