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Sonntag, 27.7.: Bobo (D)

Bobo (copyright: Jarek Raczek)
Bobo (copyright: Jarek Raczek)

Es ist ein wirkliches Herzensprojekt, an das sich die Berliner Ausnahmesängerin Bobo (In White Wooden Houses) und der Theatermusiker Sebastian Herzfeld da gewagt haben. Denn bei „Lieder von Liebe und Tod“ handelt es sich um ein Album von Neuinterpretationen deutscher Volkslieder und Gedichte. Die Erwartungen sind hoch bei dieser Konstellation, die Fallstricke gespannt – und dann hebt Bobo mit ihrer glockenhellen Stimme an zu singen.

Wie nebenbei verfliegen alle Zweifel und Vorurteile. Hier wird nichts aufpoliert oder auf neu gemacht. Bobo, Herzfeld und die Klarinettistin Anne Kaftan geben den Liedern Wurzeln und Flügel zugleich. Man meint, manche der alten Stücke zum ersten Mal zu hören, wurden sie doch mit leichter Hand vom Staub der Jahre befreit – Volkslieder zwischen traditioneller Interpretation und Jazzimprovisation, zwischen Pop und Kunstlied. In gleicher Weise hat Herzfeld eigene Kompositionen zu Gedichten Goethes und Eichendorffs geschrieben, die bruchlos zu den bekannten Melodien passen.

Es ist ein ernst zu nehmender Anwärter auf das Album des Jahres, was die Berliner Sängerin und ihre Mitstreiter uns hier präsentiert. Deutsche Volkslieder, vor allem aber große deutsche Gedichte, überwiegend aus Klassik und Romantik, von Sebastian Herzfeld kongenial vertont und extrem reduziert arrangiert wurden. Dabei arbeitet er durchaus eklektizistisch - mal klingt das nach einer Akustikversion von Pink Floyd, mal nach Filmmusik des Minimalisten Philip Glass, und doch ist diese Musik vor allem eines: ein kunstvoll in Bewegung versetztes Bild, besser: eine vollendet theatrale Szene aus den Mitteln der Musik.

Wie Bobo diese großartigen Texte interpretiert, ist von einer Klarheit und Aufrichtigkeit, die nicht nur die Ohren öffnet, sondern das, was all diesen Stücken in mythischer Tradition eingeschrieben ist: die Seele. Ihr Gesang ist eine Anleitung zur Empfindsamkeit. Diese ungewöhnlichen und nicht nur in künstlerischer Hinsicht sehr filigranen Lieder sind durchweg von einer Brillanz, die einen förmlich erschauern lässt. Wer sich auf sie einlässt, wird dieses grandiose Miniatur-Musik-Theater, diesen Kosmos des Kleinen, unendlich bereichtert verlassen.

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