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Samstag, 19. Juli: Sandy Dillon (USA/GB)

Sandy Dillon
Sandy Dillon

Sie bricht jede Illusion einer perfekten Inszenierung, und genau in jener Differenz zwischen Hochglanzoriginal und zerkratzter Kopie liegt die berührende Schönheit ihrer Musik. Die Amerikanerin Sandy Dillon spielt im organisierten Chaos und singt auf den Spuren von Tom Waits. “I was born to hoarse”, erklärt Sandy Dillon, ein weiß geschminkter Kobold, der im Walde singt, um sich nicht zu fürchten, und zugleich die heisere, verrauchte Stimme des Wolfes übernimmt. Wohin mit ihr? In eine Ecke mit den wilden Girls oder zu den gitarrensoliden, komponierenden Sängerinnen, an die Bar zu den Töchtern von Blondie? Eher dann wie Tom Waits oder Nick Cave, immer hart an der Grenze, hinter der die eigene Parodie lauert? Sandy Dillon verfügt über eine Stimme, die röhrt, krächzt und rumort. Ja, Sandy Dillon ist so etwas wie die weibliche Reinkarnation eines Tom Waits. Klagend, stöhnend, keifend trägt sie ihre Songs vor, die vor sich hinrumpeln, als wäre mal wieder der große Treck mit Pferdchen samt Planwagen gen Kalifornien unterwegs.

Als Absolventin der Berklee School Of Music hat sich Sandy ein Qualitätssiegel an die Brust geheftet, das über jeden Zweifel erhaben ist. Sie kann gar nicht anders, als schräg zu singen und polternde Rhythmen bzw. verquere Sounds zu produzieren. die musikalischen Wurzeln reichen tief in den Blues - Send Me To The ‘Lectric Chair wurde von Bessie Smith ebenso gesungen wie von Dinah Washington -, berühren die melancholischen Liebeslieder der dreißiger Jahre, die Gefühlslagen einer Billie Holiday. Mit einem entscheidenden Unterschied, es sind Lieder, aus denen die Frauen mit heiler Haut davonkommen: “Torch songs where the woman doesn’t get burnt.” Und dazu - als garantiere diese Stimme nicht schon genügend Distanz zu Vorbild und Modell - mit jenem musikalischen Material unterlegt, das in Garagen rumliegt, mit dem blechernen Scheppern von Gitarren, dumpfen Trommeln auf Blechfässern, knochenklappernden Rhythmen und heulender Mundharmonika.

Es ist das Instrumentarium, das sich seit Jahren bei Tom Waits stapelt. Inzwischen ist jedoch sogar der Kellerklang zum Genre geworden. Wie das Streichquartett, das Jazztrio oder die unvergleichliche Kombination aus zwei Gitarren, Bass und Schlagzeug, so auch die elektrifizierte Schrott- und Abfall verwertende Avantgarde. Doch Sandy Dillon mischt ihre Holzfällerstimme nur mit Spurenelementen aus jenem Garageninstrumentarium, lässt ihre Melodien im Fluss jener Geschichten treiben, die ganz traditionell von Liebe und Verrat erzählen. Sie erinnern an jene kargen amerikanischen B-Movies mit ihren Storys aus Hollywood und dem Glamour einer Billigproduktion. Wie Cindy Sherman in ihren frühen Fotografien inszeniert sie Gefühle als Standfotos, nicht die großen Szenen, sondern die Momente davor oder danach. Schönheit besteht oft nur aus ein paar gefrorenen Momenten.

Sandy Dillon kommt in Begleitung von Ray Majors (ex-Mott The Hoople, The Yardbirds) und des Londoner Avantgarde-Multitalents David Coulter http://www.myspace.com/davidcoulter). Letzterer fungiert auch als Produzent und bringt ein einzigartiges Instrumentarium mit – von Maultrommel und singender Säge bis zu Nasenflöte und handgemachter Perkussion. Fühlbare Objekte statt digitaler Files, dazu eine durchaus lebensnahe Organisation des Klangs: mal komponiert, mal improvisiert.

“Once you’ve met someone or something’s happened to you it gets stored in this permanent file in your head and that becomes part of the soundtrack of your life. Its constantly growing. If you can imagine an old vinyl record except it keeps getting bigger and bigger so you can never reach the end of the album.” Sandy Dillon

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