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Mittwoch, 16. Juli: Orchestra Baobab (Senegal)

Orchestra Baobab (photo credit: Jonas Karlsson)
Orchestra Baobab (photo credit: Jonas Karlsson)

Es muss ein rauschendes Nachtlokal gewesen sein, der Club Baobab. Im Herzen Dakars gelegen, zog er nicht nur Amüsierwillige an, hier verkehrten in den Siebzigern Minister und hohe Staatsgäste. Der Champagner floss in Strömen und zu besonderen Gelegenheiten kehrte sogar der Staatspräsident ein, der berühmte Léopold Senghor. Das Baobab war eine Schule des Lebens für das nach ihm benannte Orchester, das an vier Abenden die Woche zum Paartanz aufspielte. Hier fand es zu seinem Repertoire, hier entstanden sehnsüchtige Liebesschlager mit lateinamerikanischen Einschlag wie Colette oder Coumba.

Vielleicht hat es aber auch sein Gutes, dass der Club am Ende eines bewegten Jahrzehnts geschlossen wurde. Befreit von den Fesseln der Realität, wird in der Erinnerung alles noch ein wenig goldener, als es in Wirklichkeit war. Clubs wie das Baobab mit seinen Wandmalereien und einem künstlerisch gestalteten Affenbrotbaum als Theke repräsentierten die panafrikanischen Ideen des Dichterpräsidenten und kulturellen Nationalisten Senghor. Die Nähe zur Macht bescherte den Musikern eine delikate Rolle: Sie wurden zu Botschaftern ihres Landes. Auf Fotografien aus den Siebzigern sieht man sie mit beachtlichen Afrofrisuren aus Flugzeugen steigen und im befreundeten Ausland aufspielen – Jetset in einer afrikanischen Variante. Sie bereisten Guinea, Kamerun und Tunesien. Der Horizont erweiterte sich und mit ihm das Repertoire.

An diesem Punkt hätte die Erfolgsstory Historie sein können, wäre nicht Nick Gold aufgetaucht, der Mann, der schon dem Buena Vista Social Club zu spätem Ruhm verhalf. Nick hat sie alle wieder ausfindig gemacht, erzählt Balla, der Bandleader, den einen hier, den anderen dort, Attisso in Togo, wo er wieder seinem ursprünglichen Beruf als Anwalt nachging, ihn selbst bei seinem bescheidenen Brotjob als Hotelbarmusiker. Nach zwei Jahren der Telefonate und Recherchen war fast die gesamte Originalbesetzung wieder beisammen. Mit Youssou N’Dours und Nick Golds Segen entstand vor sechs Jahren Specialist In All Styles, die auch im Ausland gefeierte Comeback-CD, und anschließend, im verstetigten Erfolg, Made In Dakar.

Wieder hat man gemeinsam im Fundus von fast vier Jahrzehnten Bandgeschichte gegraben und Liedgut hervorgeholt, das viele in Westafrika noch aus dem Radio kennen. Aline etwa, einen Evergreen auf Rumbabasis, oder Nijaay, eine schmissige, von Wahwah-Attacken auf der Gitarre vorangetriebene Ermahnung an weibliche Fans, für den Samstagabend die besten Kleider aus dem Schrank zu holen. Nijaay, sagt Balla, sei einer ihrer ersten großen Hits gewesen. »Aber ich glaube, wir hatten fast nur große Hits.« Tatsächlich scheint das Orchestra Baobab heute im Senegal ein ähnlich altersloses Publikum anzuziehen wie in Europa. Einmal, es war nach einem Konzert in San Francisco, erzählt Balla, sei Carlos Santana hinter die Bühne gekommen. Es herrschte großes Durcheinander, man habe ihn erst richtig erkannt, als er seinen Hut abgenommen hatte. Attisso, der schon immer ein großer Anhänger von Santanas Musik war, sei auf die Knie gegangen, um dem Meister zu huldigen, doch der habe es nicht zugelassen, sondern das Orchestra Baobab als die wahren Meister bezeichnet. »Das war natürlich ein Moment großen Stolzes für uns«, sagt Balla Sidibe. Wer weiß, vielleicht wird Carlos Santana auf einer ihrer nächsten Platten mitspielen. Angefragt ist er schon, und ausschließen soll man im Leben nichts. Aber das wäre noch mal eine andere Geschichte.

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