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Sonntag, 13. Juli: Tingvall Trio / The Bad Plus (S/D/Cuba)

Tingvall Trio (Quelle : www.skiprecords.com)
Tingvall Trio (Quelle : www.skiprecords.com)

Die knorrigen Bäume im Nebel auf dem Cover von „Norr“ lassen zuerst an alte ECM-Aufnahmen denken. Doch sobald die Musik zu hören ist, sind heutige Sounds angesagt. Musik, die einen umstandslos anspringt wie das witzig kantige „Mjau“, oder das dunkel bollernde „Monster“. Energie ist ein wichtiger Parameter für den schwedischen Pianisten Martin Tingvall. Wie ein Sturm treibt er die Melodien vor sich her, lässt dann und wann eine burleske Böe aufwirbeln, auf dem Weg zum Gipfel einer Steigerung, die eben noch ganz ballanesk begann.

„Utskit“, der Opener des neuen Albums „Norr“, ist so ein Titel: eine kleine Melodie, zunächst auf dem Klavier ausprobiert, dann auch von Bass und Drums aufgenommen; und nach rund fünf Minuten scheint das Klavier an den Grenzen seiner Ausdrucksmittel angelangt, bevor es noch lange Sekunden ausklingt. Martin Tingvall kann sich auf seine zwei Partner verlassen; die Chemie im Tingvall Trio ist eine jederzeit explosive: Den Schlagzeuger Jürgen Spiegel traf Martin Tingvall bei einer beachtlichen Session in Groningen, der kubanische Bassist Omar Rodriguez Calvo bekannt aus den Arbeiten des Soul-Duos Orange Blue komplettiert das Tingvall Trio.

The Bad Plus (photo credit: Mike Dvorak)
The Bad Plus (photo credit: Mike Dvorak)

Bad Plus gelten als das lauteste Pianotrio des Jazz und können selbst am lautesten über diese Kategorisierung lachen und hätte es jemals eine Antwort auf Frank Zappas ketzerische Frage: „Does humor belong to music?“ gegeben – sie hätte so geklungen wie die Musik von Bad Plus. Der Erfolg von Bad Plus lebt von ideenreichen Improvisationen in Form verrückter Eigenkompositionen und schaurig schöner Cover-Versionen. Allein der Blick über den jazzigen Tellerrand hinaus, ist ein Verweis darauf, dass hier keine missgelaunten Puristen am Werk sind. Wohin sich das Kollektiv in seiner Musik bewegt, ist nie absehbar. So wenig, wie die Frage, was Nirwanas „Smells like Teen Spirit“ mit „Flim“ von Aphex Twin gemein hat – außer dem Fakt, dass sich beide Titel zwischen „Heart of Glass“ von Blondie in wunderbaren, liebevoll zerlegten Interpretationen von Bad Plus gelegt haben.

Die einzige Regel, die dieses Trio akzeptiert, ist die der Qualität und der Kommunikation – kategorische Imperative sind ihnen völlig fremd. Sie finden, dass nur die Phantasie die Grenzen des Jazz festlegen sollte, nicht der Stil. Reid Anderson am Bass, Ethan Iverson am Piano und David King an den Drums überraschen durch ein schier unglaubliches Transformationsvermögen. Sie erzählen von der Dekonstruktion verschiedener Einflüsse und vermeiden den Begriff der Fusion. Statt dessen übertragen sie die von Dance, Pop und Rock inspirierten Tonfolgen in ihre eigene unerschütterliche Sprache aus reinem Jazz. Davon lassen sich auch eingefleischte Popmusik Hörer anstecken und die „echten“ Jazzer jubeln ihrem Stern am Himmel zu. Bad Plus sind Seelenpunker im Jazz-Gewand, ebenso humorvoll wie virtuos.

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