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Julieta Venegas (Mex)

Otra Cosa

Jul ’12
25
19:30

Julieta VenegasIm März 2006 ereignete sich bedeutendes in Mexiko. Zahllose Menschen stürmten die Plattenläden, standen Schlange, warteten und zogen dann, mit einer einzigen, gerade frisch erschienenen CD im Gepäck wieder nach Hause an das heimische Stereo-System. Eine kleine, feine Massenhysterie wie zu besten Zeiten der Beatles oder Michael Jacksons. Aber nein, der Auslöser dieser Kaufräusche war nicht eine auf einem Dachboden gefundene verschollene Jugendaufnahme von John Lennon oder der Nachfolger von Thriller, die Mexikaner erwarben gemeinschaftlich “Limon y Sal”, das vierte Album der Sängerin Julieta Venegas aus Tijuana, Mexiko. Und dies taten sie derart drangvoll, dass “Limon y Sal” schon nach zwei Tagen Gold-, und nach einer Woche Platinstatus für 100.000 verkaufte Exemplare erhielt (am Ende des Jahres stoppte der Zähler erst bei einer Marke von 4 Millionen).

Julieta VenegasEs ist also sicher nicht zuviel gesagt, wenn man Julieta Venegas als Superstar bezeichnet. Zumindest aber als eine sehr bekannte, sehr beliebte und sehr wichtige Pop-Sängerin Lateinamerikas. Im Gegensatz zur Bekanntheit ihrer kolumbianischen Kollegin Shakira beispielsweise fragt sich Mitteleuropa jedoch noch immer: Julieta wer? Es könnte daran liegen, dass Julieta Venegas im Gegensatz zu vielen ihrer Kollegen im Pop- und Singer/Songwriter-Fach immer der spanischen Sprache treu geblieben ist. Möglicherweise liegt es aber auch daran, dass Venegas unter dem schönen Etikett der sanften, sommerlich-flockigen Pop-Sängerin eine komplexe, verschlungene Musikerbiografie verbirgt. Noch zu Beginn der neunziger Jahre rührte sie zusammen mit einem kleinen Haufen Freunden unter dem einigermaßen bösen Bandnamen Radio Chantaje (Radio Erpressung) und später als Tujiana No! kräftig in der Punk- und Ska-Szene der Grenzmetropole Tijuana mit.

Doch schon Mitte der Neunziger Jahre wechselte Venegas jäh das Gleis, und veröffentlichte 1997 “Aquí”, ein Soloalbum voll melodiöser Song-Perlen mit sehr persönlichen, sehr politischen Texten und zackigen Folkpop-Varianten, die so bisher kaum im lateinamerikanischen Raum zu hören gewesen waren. Es war die Geburtsstunde der Multiinstrumentalistin und Songschreiberin Venegas, die von nun an Jahr für Jahr mit der gesamten Musikerelite Lateinamerikas zusammen arbeitete, auf Festivals auftrat, Grammys und andere Preise sammelte und 2008 schließlich en Ritterschlag einer internationalen MTV-unplugged Produktion erfuhr. Und auch wenn sie heute als musikalische Botschafterin Mexikos auf der ganzen Welt unterwegs ist, bleibt sie doch in Mexiko verwurzelt, und erzählt mit Gitarre, Akkordeon und Klavier exemplarische Geschichten zwischen elektrisch geladenen Grenzzäunen und rührseeligen Telenovelas, zwischen Drogenmafia und Tropennächten am Golf von Yucatan. Es ist ein weiter Spagat, zwischen dem No! der frühen Punk-Zeit und dem trügerisch-süßen “Si!”. Und wer zwischen diesen beiden Extremen sich derart melodiös und reich bewegt, dem sind gelegentliche Plattenladen-Hysterien nicht nur in Mexiko doch ganz von Herzen zu gönnen.

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