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29. Juli: Nouvelle Vague (F)

Nouvelle VagueKonzertkritik der HNA

Darauf muss man erst einmal kommen. Im Februar 2003 ruft der französische Musiker Marc Collin seinen Kollegen Oliver Libaux an und konfroniert ihn mit der Idee: „Was hältst du davon, alte New Wave-Hits in Bossa Nova–Versionen neu zu interpretieren?“ Libaux war begeistert. Beide Musiker sind in Frankreich sehr populär, sie spielten mit Air, Avril und Helena. Marc Collin wurde für sein Projekt Volga Select mit dem Prix Constatin ausgezeichnet. Der Name Nouvelle Vague wurde kurzerhand vom englischen New Wave ins Französiche übersetzt.

Beginn: 19.30 Uhr,
VVK: 16 Euro & 1,50 Euro Vorverkaufsgebühr, Abendkasse: 18 Euro

Die Umdeutung der meist gitarrigen Originale in sanfte Pop-Jazz Arrangements funktioniert ausgezeichnet. Die Musiker arbeiten mit jungen Sängerinnen wie Camille, die die Originale von The Cure, The Clash, Depeche Mode, oder Sisters Of Mercy kaum kennen. Entstanden sind Songperlen, gleichsam beeindruckend wie wunderschön, eine Melange aus Astrud Gilberto und Juliet Greco in dark. Es ist erstaunlich, was Collin und Libaux aus Stücken wie „Guns of Brixton“ von The Clash oder „Too drunk to fuck“ von den Dead Kennedys heraushören. Ihre Interpretation lehnt sich an die psychodelischen Sounds der späten Sechziger an, wie man sie aus Truffaut- und Chabrolfilmen kennt.

Eine wirkliche Herausforderung für Puristen dürfte die Bearbeitung von Depeche Modes Synthiepop-Hymne „Just can’t get enough“ sein. Neu zusammen gesetzt mit treibender Percussion und feurigem Sambasound wird der Song kurzerhand in den Karneval von Rio verlegt. Ein ganz neues Lebensgefühl für die typischerweise schwarz gekleideten Epigonen des New Wave. Laszive Frauenstimmen, rhythmischer Latinsound - zuweilen hört man das Gezwitscher tropischer Vögel, die irgendwo im brasilianischem Urwald verschwinden.

Mit Chic und Stil nehmen sich Collin und Libaux den Kleinoden an und spielen sie, als hätte man die Lieder nie zuvor gehört. Mit Vibraphon, gestrichenem Schlagzeug, gezupfter Gitarre und vor allem mit herrlich melancholischen Sängerinnen. Mit Sicherheit eines der spannendsten Projekte des Jahres.

 
Punk und Französisch für Anfänger
Im Bossa-Nova-Gewand: Nouvelle Vague zeigten im Kulturzelt, wie sinnlich New Wave sein kann

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Wer zum Schüleraustausch in Frankreich war, weiß, dass es vor allem zwei Arten von Französinnen gibt: das Mädchen von nebenan und die Geheimnisvolle, die ganz weit weg ist. In der französischen Band Nouvelle Vague gibt es beide: Melanie Pain, das Mädchen von nebenan, hat einen Pferdeschwanz; Phoebe Killdeer, die Mysteriöse, sieht aus, als käme sie aus einem Claude-Chabrol-Film. Solche Mädchen stiegen damals beim Schüleraustausch zu zehn Jahre älteren Typen ins Auto. Dann gibt es noch Marina Celeste, aber sie fehlte beim Auftritt im fast ausverkauften Kasseler Kulturzelt.

Das machte nichts, denn Pain und Killdeer sind zwei vorzügliche Entertainerinnen und die Stars des Projekts, das die Studiomusiker Marc Collin und Olivier Libaux vor zwei Jahren ins Leben riefen. Sie ließen Jazzsängerinnen Punk- und New-Wave-Klassiker im Bossa-Nova-Gewand nachsingen. Das war der Konsens-Hit des vergangenen Sommers, für Puristen jedoch Verrat. Der englische “New Musical Express” schrieb, die Cover-Versionen seien etwa so, als würde man Michelangelos David aus Schweinekot nachbilden.

Solche Polemik führen Nouvelle Vague bei ihrem Auftritt an der Drahtbrücke bereits beim ersten Song ad absurdum. “The Killing Moon” von Echo & The Bunnymen präsentieren die Franzosen als Schlaflied, ohne dem Song seine traurige Würde zu nehmen. Hier kommt zusammen, was zusammen gehört. Bossa Nova mag sinnlicher sein als die Musik wütender junger Männer, aber er ist ähnlich revolutionär wie der Punk. Die Gitarre galt in Brasilien Mitte des vergangenen Jahrhunderts als Instrument der schwarzen Unterschicht.

Collin und Libaux haben sich also eine coole Geschichtsstunde ausgedacht. Auf der Bühne halten sie sich mit Gitarre und Kontrabass sowie den beiden anderen souveränen Instrumentalisten im Hintergrund, während die Mädchen das Publikum begeistern. Pain haucht zärtlich Klassiker wie “Teenage Kicks” von den Undertones ins Mikro. Killdeer reizt ihre Soulstimme bei “Too Drunk to Fuck” von den Dead Kennedys bis aufs Letzte aus. Von wegen Easy Listening als Hintergrundmusik für die Cocktailbar. Manchmal sind Nouvelle Vague auch Heavy Listening. Ihre Musik, die mittlerweile auch aus Reggae und Calypso besteht, kommt von nebenan und ist doch so weit weg.

Als das Licht nach 90 Minuten und zwei Zugabensets wieder anging, riefen die Anhänger die Band noch einmal auf die Bühne. Das gibt es nicht alle Tage. Alle zusammen im Zelt sangen schließlich noch einmal den deutschen Hit “Eisbär” von Grauzone. Es war wie beim Schüleraustausch: Da wollte man am Ende auch nicht nach Hause.

Aktuelle CD: Bande à parte (Pias/Rough Trade)

Von Matthias Lohr / HNA

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