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5. Juli: Brad Mehldau Trio (USA)

Brad Mehldau Triozur Pressekritik

Brad Mehldau gehört wohl zu den innovativsten Jazzpianisten unserer Zeit. Seine Kompositionen sind von Franz Schubert genauso wie von Oscar Peterson und Keith Jarrett – aber auch von John Coltrane und Miles Davis beeinflusst. Doch auch so jazzferne Musik wie jene von Radiohead oder den Beatles findet Platz im musikalischen Universum dieses außerordentlichen Musikers mit ebenso offenem Geist wie Ohren.

Beginn: 19.30 Uhr,
VVK: 16 Euro & 1,50 Euro Vorverkaufsgebühr, Abendkasse: 18 Euro

Nach dem Studium am Berklee College of Music wurde Mehldau den europäischen Publikum durch die Kooperationen mit Joshua Redman und Chris McBride bekannt. 1995 gründete er sein eigenes Trio und heimst seither Preise und Ehrungen ein. Acht Alben hat er seither veröffentlicht – alle heiß verehrt.

Der 35-jährige ist ein selbstbewusster Rebell auf solidem Grund. Wer seine Variationen über eigene Kompositionen oder Standards der Jazz- und Rockgeschichte im Konzert erlebt, genießt jene Trance, die schon im 19. Jahrhundert inmitten des großbürgerlichen Ambientes dem Klaviervirtuosen jenes wohlige antibürgerliche Ekstase-Feeling verlieh. Brad Mehldau komprimiert den weiten Atem seines Spieles, allein „Paranoid Android“, eine Komposition von Radiohead, erfüllt mit gerade einmal neun Minuten epischen Anspruch. Da trifft sich Meldaus später Romantizismus mit den Harmonien und Melodien der Popwelt, die er via Jazz in den Olymp der klassischen Musik des 21. Jahrhunderts hebt.

Da gibt es synthetisches Fiepsen, dröhnen gar Gitarren in Black Sabbath-Manier – was sich allerdings als verfremdetes Klavier entpuppt. Mit präparierten Klaviersaiten schafft er einen perkussiven Klang, das Poetische bekommt eine gewaltige Schieflage. Jeff Ballard an den Drums treibt mit metallfarbener Präzision nach vorn, mit Larry Grenadier am Bass wird der Begriff des Trio-Jazzes neu buchstabiert. Die Musiker improvisieren nahtlos inspiriert, sie können gar nicht aufhören, brilliant zu sein. Dabei ist jedes Stück von Burt Bacharach bis Nick Drake ein für sich einzigartiges Unternehmen, charakteristisch und aufregend. Und ein sinnlicher Genuss im Konzert.

 
Verästelte Melodien
Jazzpianist Brad Mehldau im Kasseler Kulturzelt

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Diesem Auftritt haben viele aktive Jazzmusiker der Region entgegengefiebert, gilt der amerikanische Jazzpianist Brad Mehldau doch als stilbildend und sein klassisches, mit Bass und Schlagzeug besetztes Trio als eine Formation, der keine Grenzen gesetzt sind.

Gleich der erste ausgedehnte Titel “Granada” verdeutlicht aufs Souveränste das Thema–Variationen-Prinzip Mehldaus: Die Musik schaltet sich in immer neue Stimmungen weiter, wechselt vom kompakten Trio-Sound zu Latin und Afro-Einflüssen.

Entscheidend für dieses Spiel mit verschiedenen Ebenen sind der fantastische Schlagzeuger Jeff Ballard und Larry Grenadier am Kontrabass, der höchst eigenständig agiert. Nicht von ungefähr zählt Brad Mehldau Johannes Sebastian Bach und Thelonius Monk, diese beiden Eckpfeiler des klassischen und Jazz-Lagers, zu seinen Vorbildern.

Ein Höhepunkt des Konzerts bietet Brad Mehldaus erstes Klaviersolo mit seinen oft im Selbstdialog geführten Doppellinien, schnellen Repetitionen und einer Tonalität, die in ihrer archaischen Kraft ebenso an Bartok wie an Jazz erinnert. Bei den Anleihen aktueller Strömungen kombiniert Jeff Ballard in faszinierender Weise schnellste Becken-Rides mit fast schleppenden Beats, über einem vollmundigen Bass entwickeln sich dazu kühl abstrakte Klanggebäude mit schnellen Skalenimprovisationen.

Gefälliger zeigt sich das Trio bei den Adaptionen bekannter Songs. “She’s leaving Home” erscheint als elegant swingender Jazz-Waltz, um sich immer mehr vom Thema abstrahierend zu verästeln und nach langen Variationsausflügen wieder zur Melodie zurückzukehren. Der im Trend liegende “Pop goes Jazz”-Ansatz findet hier nicht nur zur Vollendung, sondern beweist nebenbei, dass die einst von Jazzern gern belächelte Popmusik Standards von zeitloser Qualität hervorgebracht hat. Ein facettenreiches, begeistert aufgenommenes Konzert in Kassel, auf gewohnt hohem Kulturzelt-Niveau.

Zum Nachhören sei die CD “Day is Done” empfohlen, von der fast alle beim Konzert gespielten Titel stammten. Für Hörer, die weiter in den Mehldau-Kosmos eindringen möchten, die ganz aktuelle CD “House on Hill”.

Von Hartmut Schmidt / HNA

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