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6. Juli: Bajafondo Tango Club (ARG/U)

Bajafondo Tango Clubzur Pressekritik

Gustavo Santaolalla, der vielfache Grammie-Gewinner, erhielt für seine innovative Musik jüngst den Oscar 2006 in der Kategorie „Best Soundtrack“ für die epische Filmusik zum Blockbuster „Brokeback Mountain“.

Beginn: 19.30 Uhr,
VVK: 14 Euro & 1,50 Euro Vorverkaufsgebühr, Abendkasse:16 Euro

Der Bajafondo Tango Club weiß, wo die Reise jenseits von klassischem Tango und Piazzolla-Adaptionen hingehen kann. Ihr dekonstruierter Tango mischt sich mit DJ-Sounds, Loops, Samples, Elektrobeats und Videoprojektionen. Bajafondo übersetzt das Ideom des strengen und schwermütigen Tangogefühls in die Sprache des Nu-Jazz. Luciano Supervielle, tragende Säule des Projektes, schöpft dabei aus einem gigantischen Ideenreservoire.

Geboren in Frankreich hat er sich nach langen Jahren in Mexico schließlich in Uruguay niedergelassen. In Paris entstand eine wichtige Tango-Szene, als während der Militärjunta in Argentinien viele Musiker in die liberalen europäischen Metropolen emigrierten. Kosmopolitisch, romantisches mit minimalistischem Tango-Material kreuzend, dringen Supervielle und seine Kollegen zur Essenz des Tangos zurück: zur Subkultur, zu den Kaschemmen und den Bordells am Rio de Plata, in denen der Tango vor gut 100 Jahren entstand.

Supervielle spürte den Ursprüngen des Tangos nach, entdeckte die Milonga und die Folklore-Rhythmen des Tango von Osteuropa bis zu den perkussiven afrikanischen Elementen. Dieses Projekt löst sich von scheinbaren Widersprüchen: Computerbeats und Dubs, die Abstraktionsmöglichkeiten elektronischer Musik, faszinieren hippe Avantgardisten und eingefleischte Tango-Fans gleichermaßen.

Das Debüt-Album „Bajafondo Tango Club“ wurde gleich mit einem Grammy und einem Gardel-Award geehrt. Die Musiker des Clubs zählen in Lateinamerika durch viele Kooperationen wie z.B. mit den uruguayischem Superstar Jorge Drexler und der Band Plátano Macho zur ersten Riege der jungen Avantgarde.Gustavo Santaolalla ist der Produzent und spielt die Gitarre, Juan Campodónico agiert als DJ des Clubs; Luciano Supervielle zeichnet für viele Kompositionen und ist live für die keyboards und als DJ für das scratching verantwortlich, die Violine wird von Javier Casalla gespielt, das Bandoneon von Martin Ferres, am Kontrabass Gabriel Casacuberta und Veronica Loza steuert den Gesang bei.

Mit ihren elektroakustischen Pretiziosen und virtuoser Musikalität katapultiert der Bajafondo Tango Club die Musik der Revolution geradewegs in das 21. Jahrhundert.

 
Die Tango-Freibeuter vom Rio de la Plata
Im Kasseler Kulturzelt rissen die Herren vom Bajofondo Tango Club die Zuschauer zu Begeisterungsstürmen hin

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Sie sind Korsaren vom anderen Ende der Welt. Die Jungs von der argentinisch-uruguayischen Formation Bajofondo Tango Club, die am Donnerstag im Kasseler Kulturzelt auftraten, sind echte musikalische Freibeuter. Sie kapern Klang-Traditionen, und mit dieser kostbaren Beute - vermischt mit eigenen musikalischen Ideen - bestücken sie ihre Schatztruhe. Beim umjubelten Konzert im nicht ganz gefüllten Zelt wurde das Pretiosenkästlein den begeisterten Zuschauern geöffnet. Keine Frage, dass die Herren um Gustavo Santaolalla und Luciano Supervielle mit ihren Kopftüchern, muskelbepackten Oberarmen und wilden Bärten auch aussehen wie anarchische Helden vom Rio de la Plata.

Mit einem Walzer auf der folkloristischen Strohgeige (sieht aus, als hätte man an eine Violine den Trichter eines alten Grammophons geschraubt) eröffnete Javier Casalla den Abend - und schickte damit einen Gruß aus Europas Musikgeschichte ins Zelt. Dann wurde es südamerikanisch. Aus einem erst kaum merklichen Knistern, wie von einer alten Schellackplatte, kristallisierte sich langsam, ganz langsam ein Tango-Rhythmus heraus. Eine Zeitreise in die Tangokaschemmen im Buenos Aires einer längst versunkenen Epoche. Doch Bajofondo Tango Club schrauben die Funzeln aus dem Kronleuchter im Ballsaal und ersetzen sie durch gleißende Neonröhren. Hier bleibt kaum noch Schummriges, der Tango ist ent-melancholisiert. Der Traditionstanz ist die Wurzel von Bajofondo Tango Club, aus ihr nährt sich die Band. Doch bleibt oft nicht mehr als ein scharf akzentuierter Rhythmus vom Tango übrig, über dem sich Samples, Geigenmotive, Bassläufe, Banoneonläufe und Gitarrenklänge entfalten. Manchmal klingt das, als ob Osteuropäer eine Geigen-Taskforce nach Montevideo entsandt hätten.

Manchmal, wenn gescratcht und aus dem Off dazu eine Rap-Sequenz eingespielt wird, sind wir beim Sound der Straße. Romantische, leise Momente gab es auch, schwerblütige Balladen. Aber das Ausgelassene überwog - und das ist es auch, was die Besucher mitreißt, die am Ende fröhlich auf der Bühne mittanzten.

Von Bettina Fraschke / HNA

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