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Mittwoch, 27. Juni: Fanfare Ciocarlia (R)

Sie wohnen hinter den sieben Bergen… Was in einem bekannten Märchen als charmante Umschreibung für einen Ort am Ende der Welt herhalten muss, könnte genauso gut für die Heimatstadt der Fanfare Ciocarlia gelten.

PDF-DownloadPDF: Konzertkritik aus der HNA

Zece Prajini (Zehn Felder) heißt das mit Provinz noch charmant umschriebene Dorf im Osten Rumäniens, das zwar an einem Bahngleis liegt, der dort dreimal am Tag vorbeifahrende Zug hält jedoch nicht. Die Passagiere, die zu der kleinen Ansammlung von Häusern gelangen möchten, müssen kurzerhand aus dem fahrenden Zug springen. Gnädigerweise verlangsamt der Lokführer an der Stelle das Tempo, damit die Reisenden sich sanft in die Böschung werfen können. Wie in vielen anderen abgelegenen Dörfern auf dem Balkan, gibt es auch in Zece Prajini eine rege Blechbläser-Szene der Roma. Diese Kapellen nennen sich Fanfare und spielen bei allen möglichen Festlichkeiten auf. Die Musik, die sie dabei spielen geht in auf die Marschmusik der Osmanen zurück.

Das Reich der Türken hat den Balkan Jahrhunderte beinflusst und dies erklärt auch die orientalisch anmutenden Melodiebögen. Notenblätter und derlei Krimskrams existiert dabei nicht. Die Musiker holen einfach ihre verbeulten Instrumente hervor und zelebrieren das Fest im besten Wortsinn. Dabei kann es schon einmal vorkommen, dass die Musiker ohne große Unterbrechung an die 20 Stunden vor sich hin spielen. Welche Auswirkungen das auf die körperliche Verfassung hat, kann jeder nachvollziehen, der schon mal in eine Trompete geblasen hat.

Auch die Musiker der Fanfare Ciocarlia musizieren in diesem Stil bereits Jahre, mit dem Unterschied, dass sich außer den Hochzeits- und anderen Festgesellschaften die ganze Welt dafür interessiert. Der 6. Oktober 1996 ist aber ein Datum, von dem die Bewohner von Zece Prajini wahrscheinlich noch ihren Urenkeln erzählen werden. An jenem herbstlichen Tag schneit ganz unverhofft ein junger Deutscher namens Henry Ernst ins kleine Dörfchen herein (auch er musste vom Zug springen!). Der blonde Henry, von Beruf Toningenieur, setzt sich zu Ioan Ivancea auf eine Bank unter dessen Zwetschgenbaum. Beim anschließenden Plausch kommt die Sprache auf die Musik des Dorfes und dass er von der Blaskapelle schon einmal gehört habe. Die Autodidakten an den Instrumenten geben ihm eine kleine Kostprobe ihres Könnens und dies war der Beginn einer internationalen Karriere.

Die Reaktionen des Publikum auf die Shows der Roma-Derwische sind umwerfend und das ist erst der Anfang. Im Laufe der Jahre folgen Tourneen durch viele Städte auf fast allen Kontinenten. Die sieben - im Falle der Fanfare Ciocarlia 12 - Zwerge haben sich einen Traum erfüllt, die Bühne ist ihre eigentliche Domäne, hier wetteifern sie mit größter Virtuosität – Instrumentales im Hochgeschwindigkeitsrausch.

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