Archiv für die Kategorie „Kulturzelt 2006“

Rückblick: Die Kulturzelt-Saison 2006

Kulturzelt 2006 - der RückblickAuf dieser Seite finden sie nun den Rückblick der Kulturzelt-Saison 2006. Im documenta Jahr 2007 findet das Festival vom 22. Juni bis zum 12. August statt. Über das Programm werden wir sie ab voraussichtlich März auf dieser Seite informieren. Wir danken unserem Publikum und allen, die uns unterstützt haben.
Wir freuen uns auf den nächsten Sommer mit ihnen!

Hier finden Sie mehr Informationen zu den Künstlern, die 2006 aufgetreten sind. In der rechten Navigationsleiste finden Sie einen Link zum HNA-Kartenservice, und zu Gestochen Scharf, bei denen Sie online ab April 2007 Eintrittskarten bestellen können können. Sie können die Karten dann natürlich auch direkt in allen HNA-Geschäftsstellen und bei Gestochen Scharf in der Dörnbergstraße Tel.: 0561/ 788 060 erwerben.

13. August: Taraf de Haidouks (R)

Taraf de Haidouks © Youri LenquetteKonzertkritik der HNA

Clejani. Ein kleines 3000-Seelen-Dorf im rumänischen Südosten, in der Walachei gelegen. Hier, rund vierzig Kilometer südlich der Hauptstadt Bukarest, in der Nähe der bulgarischen Grenze, sagen sich Hase und Fuchs gute Nacht. Eine ungeteerte Hauptstraße, armselige Hütten und eine Kneipe. Aus Clejani kommt aber auch eine der bemerkenswertesten Weltmusik-Gruppen, die Taraf de Haidouks.

Beginn: 19.30 Uhr,
VVK: 15 Euro & 1,50 Euro Vorverkaufsgebühr, Abendkasse: 17 Euro

Seit das heute dreizehnköpfige Ensemble 1991 erstmals in Westeuropa aufgetreten ist, gelten die rumänischen Roma als die Sensation der internationalen Weltmusik-Szene. Ob beim Womad-Festival in Barcelona oder Yokohama, beim Rockfestival im englischen Reading, bei Konzerten in Berlin oder jüngst erst in New York – die Rumänen rissen noch jedes Publikum zu Begeisterungsstürmen hin und provozierten jedesmal überschäumende Kritiken.

Die Musik der Taraf de Haidouks ist ein buntes Gemisch verschiedener Traditionen. Hier trifft der Folk des Balkan auf Orientalisches, bulgarische Themen treffen auf türkische Melodien, rumänische, ungarische, jugoslawische und griechische Folklore verschmelzen zum neuen Ganzen. Balladen und Liebesgeschichten sind die Domäne der älteren Bandmitglieder und die Junioren wetteifern mit schnell gespielten Tänzen darum, wer die größte Virtuosität auf die Bühne bringt – Instrumentals im Hochgeschwindigkeitsrausch. Da die “lautari” Berufsmusiker sind, arbeiten sie auch mit dem traditionellen Material, improvisieren viel und überarbeiten anderes neu. So kommt es teils zu abenteuerlich anmutenden Arrangements.

Beim Konzert wechseln sich Lieder und Instrumentals ab. In verschiedenen Gruppen, mal zu viert, mal zu fünft, kommen die Musiker auf die Bühne. Erst zum großen Finale steht das ganze Dutzend gemeinsam auf der Bühne und bringt ein grandioses Schlussstück. Hier stechen auch die jüngeren Gruppenmitglieder heraus: Der dunkelhäutige Geiger Caliu etwa, ein Meister des flinken Bogenstrichs, oder der Flötenspieler Falcaru, der mit seiner 70er-Jahre-Frisur aussieht wie ein Fußballstar von damals. Wenn dann alle des Taraf-Clans die Bühne bevölkern, spürt man, woraus der Zauber dieser Tziganes besteht: Die Tarafs geben kein Konzert - mit ihrer Lebensfreude verkörpern sie die Musik selbst.

 

PDF-DownloadPDF-Download: HNA-Kritik

12. August: Fred Kellner & Die Famosen Soul Sisters (D)

Fred Kellner BandKonzertkritik der HNA

Fred Kellner und seine famosen Soul Sisters – die Schwestern Anke und Susanne Engelke – halten noch immer den Weltrekord im Dauersoul und behaupten, die heißeste Party in Town seit James Brown zu zünden! Die Götter des Olymps steigen herab. Er spielt Stromgitarre, Bass, Keyboard, Percussions, ist Bläser und Streicher: Fred Kellner ist „Sexy Thing“ und „Rolling Stone“. Fred Kellner hat jeden Soul-Hit der 60er Jahre geschrieben – und Fred Kellner rockt.

Beginn: 19.30 Uhr,
VVK: 16 Euro & 1,50 Euro Vorverkaufsgebühr, Abendkasse: 18 Euro

Der Mann hat recht: Marvin Gaye ist tot, Sam und Dave haben sich getrennt, und James Brown sitzt mal wieder im Gefängnis. Der letzte der Großen ist somit – Fred Kellner. Je nach Besetzungsbedarf eines Stückes spielt die benötigte Anzahl Fred Kellners (der Einfachheit halber heißen sie alle so) auf der Bühne.

Wie viele Fred Kellners das sind, weiss keiner so recht: Heute sind’s elf, morgen vielleicht dreiundzwanzig. Aber immer dabei sind die Frontfrauen Susanne und Anke Engelke.

Anke Engelke über Fred Kellner: „Leider wissen es die wenigsten, aber Fred Kellner hat nun mal die Soul-Hits dieser Welt komponiert. Musste aus finanziellen Gründen aber an die Verwandtschaft verkaufen.“ Beispielsweise an „Earth, Wind and Fire“, an die „Kellner Five“ oder an „Ike and Tina Kellner“.

Die Band bringt das Publikum ganz schön auf Trab, denn wenn es um die Musik geht, verstehen sie keinen Spaß. Nur die besten Zutaten sind den Kellners gut genug: Chaka Khan, Sister Sledge, Mothers Finest werden mit viel Verve gecovert. Für das empfindliche Pflänzchen Soul-Ballade haben sie den notwendigen grünen Daumen und den richtigen Drive für Funky-Sound. Eine potenziert schrille Mischung erster Güte aus Grazie, Quecksilber und falschen Wimpern werfen die Soul Sisters in die Waagschale.

 

PDF-DownloadPDF-Download: HNA-Kritik

10. August: Eric Bibb / Little Willie Littlefield (USA)

Eric BibbKonzertkritik der HNA

Er besitze eine Stimme, für die es sich zu sterben lohne! So urteilt die TIMES. Das Lob gilt Eric Bibb, einem der meistverkannten Blues-Musiker überhaupt. Seine samtweiche Stimme betört jeden, der den Künstler einmal live gesehen hat. Er ist ein absoluter Meister darin, Spannung aufzubauen und sie einen ganzen Abend lang zu halten. Der Sänger und Gitarrist Eric Bibb, geboren 1951, Neffe des Modern Jazz Quartett Mitgründers John Lewis, kam schon in jungen Jahren mit bekannten Musikern der New Yorker Folk- und Blues-Szene in Kontakt, sein Vater war ein bekannter Sänger der NY-Folkszene. Von Eric Bibb heißt es im All Music Guide, dass er einer der vielversprechendsten Musiker der 90er Jahre sei.

Beginn: 19.30 Uhr,
VVK: 16 Euro & 1,50 Euro Vorverkaufsgebühr, Abendkasse: 18 Euro

Heute, im neuen Jahrtausend, ist seine Diskografie stattlich und das Lob noch überschwänglicher geworden. Keiner versteht es wie er, Folk, Blues und Songwritertum auf so sensible, sehr eigenständige Art zusammenzubringen. Seine Songs und seine Präsenz rühren an etwas, das im Dröhnen des popmusikalischen Alltagsgeschäfts verloren gegangen ist: die spirituelle Dimension der Musik. Bei ihm finden Blues, Folk, R & B, Gospel und Jazz auf eine ganz persönliche Art zueinander. Bibb findet dabei immer wieder Zeilen und Metaphern, die auf die universelle Dimension der menschlichen Erfahrung verweisen, ganz wie es die Blues- und Folktradition verlangt. Der Gitarrist und Sänger wird begleitet von dem exquisiten Schlagwerker Larry Crockett.

Little Willie Littlefield gilt als „lebende Legende“, und Fats Domino kürte ihn zu seinem Lieblingspianisten. Der 1931 in Texas geborene Musiker hatte bereits mit sechzehn Jahren seinen ersten Hit: „Little Willie’s Boogie“ - und damit auch gleich seinen Spitznamen weg. Little Willie kombiniert eine unglaubliche Geschwindigkeit auf dem Piano mit einzigartigem Gefühl für Rhythmus und Melodie. Sein pianistisches Können ist immens, daneben glänzt er als Sänger und Komponist.

Little Willie spielt Blues, Boogie Woogie, Jazz, er stand mit Duke Ellington und Count Basie auf der Bühne. Evergreens wie „Ruby, Ruby“ und „Kansas City“ klingen immer noch im Ohr und stammen aus der Feder dieses charismatischen Menschen. Die letzten fünf Jahre hat er in seiner Wahlheimat Holland hauptsächlich mit Angeln verbracht. „Inzwischen bin ich mit jedem Hering in Holland per Du – es wurde langweilig. Ich fühle mich super – ich will wieder spielen“, erklärte Little Willie. Welch ein Glück für seine große Fangemeinde.

 

PDF-DownloadPDF-Download: HNA-Kritik

11. August: Tom Gäbel & Band (D)

Tom GäbelKonzertkritik der HNA

Der Stern von Tom Gäbel ging an einem Samstagabend auf. Stefan Raab hatte ihn als Verstärkung für seine Swing-Sondersendung eingeladen und Gäbel fegte mit seiner Frank Sinatra-Stimme und ungeheurer Lässigkeit die Kollegen von der Bühne. Die Show glänzte und Tom Gäbel wurde vom Fleck weg von dem renommierten Label Edel records unter Vertrag genommen. Fernsehauftritte folgten und kürzlich durfte Gäbel sogar das komplette Programm der ARD-Gold-Show gestalten. Frank Sinatra war der Auslöser, und Gäbels Stimme kommt der Legende verflixt nahe.

Beginn: 19.30 Uhr,
VVK: 14 Euro & 1,50 Euro Vorverkaufsgebühr, Abendkasse: 16 Euro

Seine wunderbar swingende warme Stimme, dazu die 10-köpfige Band - das alles erinnert an die goldenen Zeiten der großen Swing-Orchester. Doch Tom Gäbel pocht auf Eigenständigkeit und bringt die Frauenherzen mit Evergreens und Eigenkompositionen zum Schmelzen. „Up up and away” oder das herrlich interpretierte „I’m sitting on the top of the world” sind selbst für Swing-Unerfahrene das reine Vergnügen.

Tom Gäbel kann auf ein gutes Rüstzeug zurückgreifen, er hat das Genre von der Pike auf gelernt: Zwölf Jahre klassische Geigenausbildung, Schlagzeugambitionen, musikalische Ausflüge in das Posaunenspiel und das Studium in Amsterdam im Hauptfach Jazzgesang mit cum laude abgeschlossen. Früher mochte er Queen - Tom Gäbel mag es halt groß, glamourös und imposant.

In den Niederlanden war er Big Band Leader der „Young Sinatras“, und groß wird es für den charismatischen Tausendsassa auch in Zukunft fraglos weitergehen. In der Band ist alles vertreten, was diese ungewöhnliche stimmliche Begabung mit fetzigen Entertainer-Qualitäten komplettiert: Gitarre, Flügel, Trompeten und Trombonen, Schlagwerk, Saxophone, Flöten und Schlagwerk. Im März dieses Jahres wurde Gäbel für seine Musik mit dem renommierten Jazz-Award von Edel Records geehrt.Also: Let the good times roll!

 

PDF-DownloadPDF-Download: HNA-Kritik

9. August: Toumani’s Diabate’s Symmetric Orchestra (Mali)

Toumani's Diabate's Symmetric Orchestra (Mali)Konzertkritik der HNA

Wieder einmal hat Word Circuit, das formidable Label, das die Afro Cuban Allstars und Ali Farka Touré auf die großen Bühnen hob, ein überaus erfolgreiches Projekt nach Deutschland gebracht. Toumani Diabate gilt als arriviertester Kora-Spieler Westafrikas. Er spielt eine Musik, die den Traditionen der Jahrhunderte huldigt und mit der zeitgenössichen Spiritualität des modernen Afrikas verbindet.

Beginn: 19.30 Uhr,
VVK: 15 Euro & 1,50 Euro Vorverkaufsgebühr, Abendkasse: 17 Euro

Die Kora, ein für Westafrika typisches Saiteninstrument, wurde und wird von Toumani wie von keinem anderen einer großen Zuhörerschaft auf der ganzen Welt bekannt gemacht. Aber er ist nicht nur ein charismatischer Musiker mit außerordentlicher Vitalität, Toumani spielt auch eine vitale Rolle im Musikgeschehen Malis: Er gründete eine Musikhochschule, er ist Bandleader und Komponist.

In Bamoko, der Hauptstadt Malis, hat er eine Schule für Kinder verschiedenster sozialer Herkunft eingerichtet, an der auch die traditionellen Instrumente der Griots gelehrt werden. Für sein jüngstes Album „Boulevard de l’Indépendence“ erhielt er kurz nach der Veröffentlichung den Grammy.

Toumanis Musik entwickelt die traditionelle Musik der Griots, sie bleibt akustisch und bezieht doch die modernen und westlich geprägten Rhthmen der Metropolen ein. Zweifellos transportieren die Kompositionen als Ressource afrikanischen Lebens ein positives Image des heutigen Afrikas. Toumani und das Symetric Orchestra bringen einige der schönsten Dinge, über die Westafrika verfügt, in den Rest der Welt. Auch wenn die Lieder in der Sprache der Griot gesungen werden, teilt sich ein Lebensgefühl mit, das erfrischend freundlich einen ganz anderen Blickwinkel auf den afrikanischen Kontinent wirft als den, den wir den Medien entnehmen.

Toumane Diabate und sein Symmetric Orchstra haben auf weit über 100 Festivals auf der ganzen Erde gespielt. Sie sind Botschafter eines Kontinents, dessen Kultur ebenso facettenreich wie komplex ist.

 

PDF-DownloadPDF-Download: HNA-Kritik

5. August: Viktoria Tolstoy (S)

Victoria TolstojKonzertkritik der HNA

Die Geschichte von Viktoria Tolstoy begann lange, bevor der große Boom um skandinavische Sängerinnen bei uns einsetzte. Schon Mitte der 90er Jahre brachte die Schwedin ihr Debut „Love and Spice“ heraus und sang sich damit in die erste Liga der skandinavischen Jazz-Szene. Kaum zwei Jahre später gelang ihr mit der nächsten Veröffentlichung „For Älskad – Too loved“ der Sprung an die Spitze der Hitlisten. Fast über Nacht war sie in ihrer Heimat ein Star.

Beginn: 19.30 Uhr,
VVK: 14 Euro & 1,50 Euro Vorverkaufsgebühr, Abendkasse: 16 Euro

Bald darauf bot ihr Blue Note einen Vertrag an und „White Russian“ wurde zur ersten skandinavischen Veröffentlichung auf dem legendären Label überhaupt. Die Ur-Urenkelin des großen russsischen Schriftstellers feiert seither internationale Erfolge. Die Musik hatte sie gemeinsam mit Esbjörn Svensson eingespielt und E.S.T. auf deren ersten Tournee nach Deutschland begleitet.

Viktoria Tolstoy trat in Folge mit Ray Brown und McCoy Tyner auf und gab Konzerte quer durch die Welt. Seit 2003 ist sie bei dem ebenso exklusiven wie rührigen ACT Label beheimatet, und die Musik für „Shining on you“ hat ihr wieder einmal Esbjörn Svensson auf den Leib geschneidert. Da ist das Stück „Upside out“, das so rau wie eingängig daherkommt, da ist das stille und kantige „Wonder why“. Getragen von Viktorias erstaunlicher Bühnenpräsenz und einer Gesangsstimme, die das Genre zwischen herrlichem Groove und lasziven Melodien auslotet.

Ihr Trio – allesamt kongeniale Partner – wechselt zwischen herrlich groovenden Arrangements und puristischem Spiel.

Viktoria Tolstoy, vocals; Jacob Andersson, piano; Hans Andersson bass; Peter Danemo,drums.

Mit freundlicher Unterstützung der Wintershall AG

 

PDF-DownloadPDF-Download: HNA-Kritik

04. August: E.S.T. Esbjörn Svensson Trio (S)

E.S.T.Konzertkritik der HNA

Das Esbjörn Svensson Trio ist ein Phänomen, von dem man nie genug bekommen kann: Ein Jazztrio, dass sich selbst wie eine Popband versteht, die Jazz spielt, das die traditionelle Konzeption von Bandleader und Sidemen zugunsten eines völlig gleichberechtigten Agierens aufgehoben hat, das nicht nur in Jazzclubs auftritt, sondern auch Säle füllt, die eigentlich Rockbands vorenthalten sind. International finden E.S.T. regelmäßig Eingang in die Popcharts, ihre Videos laufen auf MTV.

Beginn: 19.30 Uhr,
VVK: 20 Euro & 1,50 Euro Vorverkaufsgebühr, Abendkasse: 22 Euro

Mit einer Klangwelt, die Jazz mit Drum&Bass-Grooves, mit elektronischen Elementen und funkigen Rhythmen einfallsreich verknüpft, hat sich E.S.T. eine Zuhörerschaft erobert, die vom klassischen Jazzfan bis zur HipHop-Jugend reicht. E.S.T. ist eine der innovativsten Jazzformationen der Gegenwart. Offenheit, Neugier und auch ein wenig Zufall gehören zu Esbjörn Svenssons künstlerischen Wurzeln. Er zupft an den Saiten des Pianos auf der Suche nach dem Klang der Gitarre, experimentiert mit perkussiven Akzenten. Auf der Suche nach der perfekten Balance integriert er elektronische Effekte zur Soundoptimierung in seine Vorstellung musikalischer Kreativität.

Als E.S.T. das Real Book des traditionellen Jazz draufhatten, haben sie seine Grenzen überschritten, sie kümmern sich nicht um Kategorien, diese Musik ist ein Kunstwerk, das keine stilistische Sicherheit beansprucht.

Ihren internationalen Durchbruch hatten die Musiker 1999 beim Montreux Jazz Festival mit ‚From Gagarin’s Point of View’, einem Meilenstein der Musikgeschichte. ‚Strange Place for Snow’ heisst das folgende Album der Band. Mit dem Satz: „One of the hottest jazz acts in Europe today” kündigte das US-Magazien Downbeat das Trio in den Staaten an. Zu Recht.

Das erfolgsverwöhnte Trio öffnet mit ‚Viaticum’ ein neues Kapitel auf ihrer Reise in die Tiefen des Trio-Sounds. Das elektronische Equipment ist für sie ein weiteres Instrument, doch was letztlich zählt, ist die Interaktion der Musiker, das Timing. Und das läuft ganz in ihrem Sinne, geehrt wurden sie im vergangen Jahr unter anderem mit dem Preis der deutschen Schallplattenkritik, mit dem „Choc de l’annee“, mit dem „Victoire de Jazz“, dem französischen Grammy und dem European Jazz Price.

Esbjörn Svensson, piano, keys;, Magnus Ölström, perc; , Dan Berglund, bass.

 

PDF-DownloadPDF-Download: HNA-Kritik

03. August: 17 Hippies (D)

17 HippiesKonzertkritik der HNA

Die Lebenseinstellung der 17 Hippies ist herrlich unverdorben und gnadenlos rock n’roll, die Berliner Band existiert seit zehn Jahren und passt so gut in das Kulturzelt Kassel, dass wir sie schon getrost als „Artists in Resident“ bezeichnen können. Von Anfang an war fast die gesamte Musikerpalette vorhanden: Einige waren Rockmusiker und kannten keine Noten; ein paar andere kamen aus der Klassik - denen war der Groove abhold. Und dann gab es Jazzer, die wieder ganz andere musikalische Vorstellungen hatten. Zusammen haben sie eine eigene musikalische Sprache entwickelt.

Beginn: 19.30 Uhr,
VVK: 15 Euro & 1,50 Euro Vorverkaufsgebühr, Abendkasse: 17 Euro

Der wilde Mix aus Folklore, Pop, Balkan-Klängen, schottischen Sumpftiraden und texanischen Twosteps wird per Bass, Klarinette, Trompete, Dudelsack, Akkordeon, Banjo und allem anderen, was eben so nötig ist, direkt in Kopf und Hüften des Publikums transportiert. Man probt die Leichtigkeit des Seins und entfaltet dabei ein gewaltiges Fantasiepotenzial.

Die 17 Hippies, die eigentlich nie 17 waren, sind Vollblutmusiker. Das Kollektiv gehört seit dem Soundtrack von „Halbe Treppe“ zu den Kultfiguren des deutschen Films. Sie komponierten die Musik für das Stück „Kasimir & Karoline“ von Ödön von Horvarth am Deutschen Theater Berlin, spielten jüngst eine CD mit Marc Ribot und Jakob Ilja ein. Die E-Gitarrenklänge geben der Musik noch einmal eine formidable, faszinierende Wende.

Zehn Jahre 17 Hippies – dies ist nun auf einer DVD dokumentiert: „The greatest show on earth“ – eine wunderbar reizvolle wie liebenswerte Dokumentation von Künstlern, die sich mit ihrer zutiefst intelligenten Musik viele Ehrungen und Lorbeeren erspielt haben. Sie haben Melodien und Rhythmen der ganzen Welt im Gepäck.

 

PDF-DownloadPDF-Download: HNA-Kritik

02. August: Lambchop (USA)

LambchopKonzertkritik der HNA

Lambchop, dies ist das bestgehandelte Geheimnis Nashvilles seit der Erfindung der Country MusicHall of Fame. Sie sind ihr Schatten, ihr schlechtes Gewissen und die Antithese zur hochgestylten Scheinwelt der Gegenwart.

Beginn: 19.30 Uhr,
VVK: 16 Euro & 1,50 Euro Vorverkaufsgebühr, Abendkasse: 18 Euro

Seit jeher sind Lambchop für ihre aufwändigen Konzepte und spinnerten Umsetzungen bekannt, beliebt und berüchtigt. Die Band um Kurt Wagner lässt alle Genrekategorien links liegen – alternative Country, New Folk Soul und Jazz: alles richtig, alles falsch. Lambchop sind keine Americana-Band, dieser Begriff ist für sie nicht relevant. Ihre Aufnahme „Nixon“ war ein Spaziergang durch den sanften Überdruss der Siebziger, der sich meilenweit entfernt von den Seventies-Revivals positionierte.

„Lambchop is a Woman“ war eine Hommage an den vokalen Barjazz der 50er Jahre und galt den Kritikern als “eine der zehn besten Platten, die jemals gemacht wurden” (Süddeutsche Zeitung). Und doch sind sie nicht mehr die Bergarbeiter, die in den Stollen der Tradition nach verwertbaren Erzen suchen. Wagner steht wie ein Leuchtturm auf den sanften Dünen seiner instrumentalen Insel und hält nach allen Richtungen gleichzeitig Ausschau. Dabei ist er ein kryptischer Songschreiber, sein Stimmumfang beträchtlich, meist bewegt er sich allerdings am Rande des Sprechgesangs; ein Tenor mit einem zu hohen Zigarettenkonsum und der Fähigkeit, extrem pointiert zu artikulieren.

Piano, Stimme und all die kleinen Feinheiten, die Lambchop eingebaut haben: sanfte Akustikgitarren, eine umsichtig agierende Rhythmusgruppe. So einsam und intim klingt die Musik, dass die Band selbst fast in Vergessenheit gerät – wenn sie sich nicht immer dann ins Zeug legte, wenn die spröden Melodien sich zu Refrains aufschwingen: Nach drei, vier Minuten heben die Kompositionen ab und fliegen still und schwerelos wie eine Montgolfiere. Der eigentümliche Reiz dieser fast überirdisch aus Töne geformten Klangskulpturen liegt in der Zäsur, in der unglaublich präzisen Ökonomie aus Betriebsamkeit und Stille.

„Zum stürmisch umjubelten Finale verblüfft Wagner einmal mehr. Er läßt die rauchvernebelten Wellblech-Bars an den staubigen Highways hinter sich, ändert die Gangart der bis dahin lässig dahinschwelenden Erlebnisreise, dreht den Verstärker auf und rockt und röhrt wie ein brünftiger Hirsch.” FAZ

 

PDF-DownloadPDF-Download: HNA-Kritik

28. Juli: Eric Burdon and The Animals (GB/USA)

Eric BurdonKonzertkritik der HNA

Der Mann ist unverwüstlich; Eric Burdon hat in verschiedenen Formationen in über vierzig Jahren Bühnenerfahrung bewiesen, dass er immer noch den Blues in die Stimme legen kann wie kaum ein anderer Weißer. Auf der Bühne kann der 1941 im englischen Newcastle geborene Musiker eine ungebrochene Präsenz und ungezählte Erfolge in die Waagschale werfen.

Beginn: 19.30 Uhr,
VVK: 20 Euro & 1,50 Euro Vorverkaufsgebühr, Abendkasse: 22 Euro

Seine ersten Auftritte absolvierte er mit Alexis Corner, und bereits 1962 entstanden die „Animals“. Eine Tournee mit Chuck Berry unterbrachen die Animals kurz, um in einer knapp 20-minütigen Session „The house of the rising sun“ einzuspielen. Dieser Song wird nach wenigen Wochen die Charts der halben Welt dominieren.

Zu den Hits, die Ende der Sechziger, auf dem Höhepunkt der Hippie-Bewegung, entstehen, zählen das großartige „When I was young“ und „Monterey“, in dem Burdon seine erste Begegnung mit LSD auf dem Monterey Pop Festival im Juni 1967 verarbeitet. 1969 entsteht unter Eric Burdons Leitung die legendäre Band „War“. „Eric Burdon declares War“, nennen sie ihre erste Veröffentlichung und setzten damit einen Meilenstein in der Musikgeschichte.

1970 tritt War gemeinsam mit Jimi Hendrix im Ronnie’s Scott Club auf. Um diesen letzten öffentlichen Auftritt Hendrix’ ranken sich die Legenden. Er stirbt zwei Tage später. Auch Eric Burdon bekommt in dieser Zeit die Quittungen für seine zügellosen Ausschweifungen: Zusammenbrüche und Exzesse begleiten sein Leben. Burdon zieht sich schließlich zurück und arbeitet an seiner Autobiographie. Doch in den neunziger Jahren leuchtet sein Stern wieder hell.

1995 – nach einer erfolgreichen Kooperation mit Brian Auger – wird dieser unvergleichliche Sänger in die Rock`n`Roll Hall of Fame aufgenommen. Seither geht Eric Burdon immer mal wieder mit den Animals auf Tour und zeigt auch auf seinem neuen Album „Soul of a man“, welch begnadeter Entertainer und Sänger er noch immer ist. Nach „Secret live“ im Jahre 2004 erreichte auch „Soul of a man“ in diesem Jahr gleich einen Spitzenplatz in den Charts.

 
Ungebrochen und unverwüstlich
Eric Burdon präsentierte sich im Kasseler Kulturzelt in guter gesanglicher Form

PDF-DownloadPDF-Download: HNA-Kritik

Was hat dieser Mann nicht alles im Leben durchgemacht? Er wurde um Millionen betrogen, seine Karriere war in den 80er-Jahren vollkommen durch, er bekam seine Drogen- und Alkoholprobleme nicht in den Griff und wurde in drittklassigen Shows durchgereicht.

Und dann steht Eric Burdon plötzlich auf der Bühne des Kasseler Kulturzeltes mit einer “Ihr könnt mich alle mal kreuzweise”-Miene und lässt mit seiner rauen, ausdrucksvollen Stimme keinen Zweifel aufkommen, dass man immer noch mit ihm rechnen muss.

Zur Eröffnung gibt es eine Fassung von “Don’t let me be misunderstood”, die zwischen der Coverversion von Santa Esmeralda und “Hotel California” (Eagles) angesiedelt ist. Eric Burdon trifft jeden Ton des Klassikers, hat stimmlich im Vergleich zum Original etwas an Volumen verloren, aber das kann man ihm mit 65 Jahren nicht vorwerfen. Er füllt den Abend mit Seele, und darauf kommt es an.

Anders hingegen seine Begleitband, die sich in Pflichterfüllung übt. Auch wenn sich Paula O’Rourke (Bass), Eric Mc Fadden (Gitarre), Red Young (Keyboards) und Wally Ingram (Schlagzeug) Mühe geben, den alten Klassikern durch neue Arrangements frischen Elan zu verleihen, so fehlten doch die markanten Teile der Originalaufnahmen. Da hätte man zum Beispiel bei “House of the rising sun” an Stelle eines viel zu langen E-Gitarren-Solos lieber den (Farfisa-)Orgelsound der Studiofassung gehört.

Songs wie die Dylan-Komposition “Baby let me take you home” oder die Bluesnummern “Mother Earth” und “Red Cross Store” versöhnen jedoch. Meist erzählt Eric Burdon zum Einstieg eine kleine Geschichte zur Entstehung des Stücks. Dann rockt die Band kernig neben dieser einmaligen Stimme los, Burdon schreit sich die Seele aus dem Leib, interpretiert den Blues, versteigert sich aber nie in Gefilde, die er nicht beherrscht.

Zum Finale gibt es “Sky Pilot” komplett mit der Intonation fallender Bomben und abstürzender Flugzeuge und als Abschluss “Ring of fire”. Am Ende dieser Huldigung an Johnny Cash löst sich die Band unter lautem Gesang des Publikums nach und nach auf. Als Erstes geht Burdon, den letzten Beat hat der Schlagzeuger, der immer wieder seinen Gang von der Bühne unterbricht, um auf das Fell zu hauen, und so dem Song und dem Abend eine gewisse Unendlichkeit einhaucht.

Fazit: Es wäre ein großartiges einstündiges Konzert gewesen, das durch überflüssige Soli leider auf 100 Minuten gestreckt wurde. Etwas weniger Masse zu Gunsten der zweifellos vorhandenen Klasse wäre da mehr gewesen.

Von Wilhelm Ditzel / HNA

29. Juli: Nouvelle Vague (F)

Nouvelle VagueKonzertkritik der HNA

Darauf muss man erst einmal kommen. Im Februar 2003 ruft der französische Musiker Marc Collin seinen Kollegen Oliver Libaux an und konfroniert ihn mit der Idee: „Was hältst du davon, alte New Wave-Hits in Bossa Nova–Versionen neu zu interpretieren?“ Libaux war begeistert. Beide Musiker sind in Frankreich sehr populär, sie spielten mit Air, Avril und Helena. Marc Collin wurde für sein Projekt Volga Select mit dem Prix Constatin ausgezeichnet. Der Name Nouvelle Vague wurde kurzerhand vom englischen New Wave ins Französiche übersetzt.

Beginn: 19.30 Uhr,
VVK: 16 Euro & 1,50 Euro Vorverkaufsgebühr, Abendkasse: 18 Euro

Die Umdeutung der meist gitarrigen Originale in sanfte Pop-Jazz Arrangements funktioniert ausgezeichnet. Die Musiker arbeiten mit jungen Sängerinnen wie Camille, die die Originale von The Cure, The Clash, Depeche Mode, oder Sisters Of Mercy kaum kennen. Entstanden sind Songperlen, gleichsam beeindruckend wie wunderschön, eine Melange aus Astrud Gilberto und Juliet Greco in dark. Es ist erstaunlich, was Collin und Libaux aus Stücken wie „Guns of Brixton“ von The Clash oder „Too drunk to fuck“ von den Dead Kennedys heraushören. Ihre Interpretation lehnt sich an die psychodelischen Sounds der späten Sechziger an, wie man sie aus Truffaut- und Chabrolfilmen kennt.

Eine wirkliche Herausforderung für Puristen dürfte die Bearbeitung von Depeche Modes Synthiepop-Hymne „Just can’t get enough“ sein. Neu zusammen gesetzt mit treibender Percussion und feurigem Sambasound wird der Song kurzerhand in den Karneval von Rio verlegt. Ein ganz neues Lebensgefühl für die typischerweise schwarz gekleideten Epigonen des New Wave. Laszive Frauenstimmen, rhythmischer Latinsound - zuweilen hört man das Gezwitscher tropischer Vögel, die irgendwo im brasilianischem Urwald verschwinden.

Mit Chic und Stil nehmen sich Collin und Libaux den Kleinoden an und spielen sie, als hätte man die Lieder nie zuvor gehört. Mit Vibraphon, gestrichenem Schlagzeug, gezupfter Gitarre und vor allem mit herrlich melancholischen Sängerinnen. Mit Sicherheit eines der spannendsten Projekte des Jahres.

 
Punk und Französisch für Anfänger
Im Bossa-Nova-Gewand: Nouvelle Vague zeigten im Kulturzelt, wie sinnlich New Wave sein kann

PDF-DownloadPDF-Download: HNA-Kritik

Wer zum Schüleraustausch in Frankreich war, weiß, dass es vor allem zwei Arten von Französinnen gibt: das Mädchen von nebenan und die Geheimnisvolle, die ganz weit weg ist. In der französischen Band Nouvelle Vague gibt es beide: Melanie Pain, das Mädchen von nebenan, hat einen Pferdeschwanz; Phoebe Killdeer, die Mysteriöse, sieht aus, als käme sie aus einem Claude-Chabrol-Film. Solche Mädchen stiegen damals beim Schüleraustausch zu zehn Jahre älteren Typen ins Auto. Dann gibt es noch Marina Celeste, aber sie fehlte beim Auftritt im fast ausverkauften Kasseler Kulturzelt.

Das machte nichts, denn Pain und Killdeer sind zwei vorzügliche Entertainerinnen und die Stars des Projekts, das die Studiomusiker Marc Collin und Olivier Libaux vor zwei Jahren ins Leben riefen. Sie ließen Jazzsängerinnen Punk- und New-Wave-Klassiker im Bossa-Nova-Gewand nachsingen. Das war der Konsens-Hit des vergangenen Sommers, für Puristen jedoch Verrat. Der englische “New Musical Express” schrieb, die Cover-Versionen seien etwa so, als würde man Michelangelos David aus Schweinekot nachbilden.

Solche Polemik führen Nouvelle Vague bei ihrem Auftritt an der Drahtbrücke bereits beim ersten Song ad absurdum. “The Killing Moon” von Echo & The Bunnymen präsentieren die Franzosen als Schlaflied, ohne dem Song seine traurige Würde zu nehmen. Hier kommt zusammen, was zusammen gehört. Bossa Nova mag sinnlicher sein als die Musik wütender junger Männer, aber er ist ähnlich revolutionär wie der Punk. Die Gitarre galt in Brasilien Mitte des vergangenen Jahrhunderts als Instrument der schwarzen Unterschicht.

Collin und Libaux haben sich also eine coole Geschichtsstunde ausgedacht. Auf der Bühne halten sie sich mit Gitarre und Kontrabass sowie den beiden anderen souveränen Instrumentalisten im Hintergrund, während die Mädchen das Publikum begeistern. Pain haucht zärtlich Klassiker wie “Teenage Kicks” von den Undertones ins Mikro. Killdeer reizt ihre Soulstimme bei “Too Drunk to Fuck” von den Dead Kennedys bis aufs Letzte aus. Von wegen Easy Listening als Hintergrundmusik für die Cocktailbar. Manchmal sind Nouvelle Vague auch Heavy Listening. Ihre Musik, die mittlerweile auch aus Reggae und Calypso besteht, kommt von nebenan und ist doch so weit weg.

Als das Licht nach 90 Minuten und zwei Zugabensets wieder anging, riefen die Anhänger die Band noch einmal auf die Bühne. Das gibt es nicht alle Tage. Alle zusammen im Zelt sangen schließlich noch einmal den deutschen Hit “Eisbär” von Grauzone. Es war wie beim Schüleraustausch: Da wollte man am Ende auch nicht nach Hause.

Aktuelle CD: Bande à parte (Pias/Rough Trade)

Von Matthias Lohr / HNA

26. Juli: Bettye LaVette (USA)

Betty LavetteKonzertkritik der HNA

Bettye LaVette ist eine der größten Soul-Sängerinnen der USA. Und es ist allein den manchmal kruden Wegen der Musikindustrie geschuldet, dass sie bis vor einem Jahr ein Geheimtipp war. Ihre großen Erfolge feierte die Sängerin in den 70ern mit Songs, die bis heute Evergreens sind, wie „My man – he’s a lovin man“. Ihre musikalische Laufbahn vergleicht sie dann auch mit einer unglücklichen Liebesaffäre. Doch im vergangenen Jahr wurde der renommierte Produzent Joe Henry auf Bettye LaVette aufmerksam und veröffentlichte mit ihr „I’ve got my own hell to raise“. Fortan überschlagen sich die Begeisterungsrufe von Elvis Costello bis Bonnie Raitt.

Beginn: 19.30 Uhr,
VVK: 18 Euro & 1,50 Euro Vorverkaufsgebühr, Abendkasse: 20 Euro

Die Kritiker von LE MONDE bis zum TIMES MAGAZINE widmen ihr die Titelseiten, als Nachfolgerin der legendären Etta James wird sie gehandelt. Sie singt auf der neuen Veröffentlichung Lieder von Sinead O’Connor, Janis Joplin, Aimee Mann… - Bettye scheint in das Songmaterial zu kriechen und es sich völlig zu eigen zu machen.

Unzweifelhaft aus den Tiefen ihrer Seele kommt eine erstaunliche Ausdruckskraft, und die Stimme umfasst ein formidables Level von seelenvoller Authentizität. Wenn Bettye sich eines Songes annimmt, wird er ganz und gar zu einem Teil ihrer selbst. Ihr Talent, der Essenz eines Songs nachzuspüren, ist unnachahmlich.

Bettye LaVette ist sicher eine der subtilsten und zugleich aufregendsten Sängerinnen des Souls. Dafür wurde sie kürzlich mit dem Titel „Best Female Blues Artist“ und dem W.C. Handy Award geehrt. Bettye LaVette ist eine Songstylistin par exellence. Ihre musikalische Entwicklung reflektiert gelassen die Klugheit einer Karriere abseits des Mainstreames. Andy Kaulkin, Impressario ihres Labels Anti Records, hat der Sängerin Musiker zur Seite gestellt, die ihrer Vokaltechnik und ihre emotionaler Tiefe viel Raum lassen.

Mit freundlicher Unterstützung der Wintershall AG

 
Ein Tanz auf dem Vulkan
Die Soul-Sängerin Bettye LaVette begeistert mit einer großartigen Bühnenperformance im Kasseler Kulturzelt

PDF-DownloadPDF-Download: HNA-Kritik

Auf der Bühne nimmt sie den Schlussapplaus entgegen wie einen warmen Sommerregen im aufgeheizten Kulturzelt: Das Gesicht nach oben zum Bühnenhimmel mit den goldenen Sternen, die Arme weit ausgebreitet. Bettye LaVette scheint zu baden in der Sympathie ihres Publikums. Dann singt sie noch einmal mit dieser subtil-beseelten Stimme - ihre Musiker haben sich bereits ins Off verzogen - von ihrem Weg durch die Wüste. Und wieder ist er da, dieser Moment durchschimmernder Leidenserfahrung in einer großartigen Bühnenschau.

Auch so kann man eben 60 werden - gerade mal wieder durchstarten auf dem Weg in den Karriereolymp. Denn die zierliche Soul-Sängerin legte bereits mit 16 Jahren ihren ersten Song auf, doch der Durchbruch ließ auf sich warten. Erst 2002 gab ihr das Album “Dont Give Up on Me” einen neuen Schub, ihre zuletzt aufgenommene CD “I’ve Got my Own Hell to Raise” verspricht weiteren Comeback-Drive.

Die in Detroit aufgewachsene Sängerin hat ihre Karriere einmal mit einer unglücklichen Liebesaffäre verglichen, und so gestaltet sie mit ihrer vierköpfigen Band auch ihre Songs: Nah am Schmerz und am Leid und immer mit der Chance verbunden, daraus wieder neugeboren zu werden. LaVettes Lieder auf der neuen CD sind allesamt von Frauen geschrieben - den Großen der Musikgeschichte wie Sinead O’Connor und Janis Joplin - und ihre vibrierende, manchmal erotisch kieksende Soulstimme formt daraus ganz persönliche Bekenntnisse aus ihrem Leben. Die ganz schlicht im schwarzen Top und schwarzer Hose gekleidete Sängerin ist auf der Bühne wie eine Leidenspieta: Sie schreit, sie weint, ja, sie zittert bei “It’s over” ihren Schmerz aus sich heraus und ist auch bei “They took my joy, I want it back” ganz authentisch mit ihrer Trauer und Wut.

Dass diese kleine Person mit der großen Stimme vor allem aber ein Energiebündel ist, zeigt sie, wenn sie über die Bühne rockt, als habe sie eine Gitarre in der Hand, und ihren Song tonlos mit den Lippen singt - ein Tanz auf dem Vulkan. Bettye LaVette ist absolute Bühnenpräsenz und Performance-Kunst, so sollte man 60 werden. Ihr Publikum dankt es ihr mit Ovationen im Stehen.

Betty LaVettes aktuelle CD “I’ve Got my Own Hell to Raise” ist bei Anti (SPV) erschienen.

Von Juliane Sattler / HNA

23. Juli: Till Brönner & Band (GB)

Till BrönnerKonzertkritik der HNA

Grad um die dreißig Jahre jung und schon ein veritables Werk im Rücken. Für sein zehntes Studioalbum „Oceana“ begab sich Till Brönner an einen Ort, der wie kein anderer den amerikanischen Traum verkörpert: Hollywood. Brönners Verbündeter bei diesem schönen Werk ist der legendäre Produzent Larry Klein. „Oceana“ verbreitet eine einnehmende, aber einsame Eleganz.

Beginn: 19.30 Uhr,
VVK: 18 Euro & 1,50 Euro Vorverkaufsgebühr, Abendkasse: 20 Euro

Hier klingt der Trompetenton, mal mit, mal ohne Dämpfer, warm und dabei essenziell klar reduziert. Selten zu hörende Melodien von Leonard Cohen bis Nick Drake zeugen von einem erstaunlichem musikalischen Grad an Reife. Unterstützt wird Brönner auf „Oceana“vom Gesang einer illustren Damengesellschaft: Carla Bruni, Madeleine Peyroux und Luciana Souza steuern wunderschöne Songs bei und auch Till Brönner singt, reif und ergreifend, „River Man“, den Klassiker von Nick Drake.

Der Trompeter, Produzent, Komponist und Sänger festigt abermals seinen Ruf als deutsches Aushängeschild in Sachen Jazz. Till Brönner ist einer jener Protagonisten, der Jazz ganz zeitgemäß mit Elementen des Rap, HipHop und Ambient verbindet und damit mit schlüssiger Synthese in zukünftige Entwicklungen weist.

Till Brönners Instrument ist die Trompete, von der man sagt, dass sie der menschlichen Stimme am nächsten sei. Also singt er mit ihr. Till Brönner hat mit Ray Brown und Peter Herbolzheimer gespielt, aber auch mit Chaka Khan, Joy Denalane und Dee Dee Bridgewater. Er bedient sich eines großen musikalischen Erbes, streift dem Repertoire einen Mantel der Aktualität über, in dem seine eigene Identität Platz findet. Dies alles geschieht mit Respekt und einer selten zu findenden Authentizität. Seine Kunst liegt in der Reduktion auf das Wesentliche, er ist ein Meister der musikalischen Intimität. In den Konzerten des Musikers entsteht eine musikalische Spannung, die fast haptische Qualität hat, gerade so, als könne man die Musik berühren.

Kategorisieren mag er sich nicht lassen: „Jazz ist für mich zunächst eine Freiheit, wie es sie in keiner anderen Musikrichtung gibt. Die Freiheit, in jedem einzelnen Moment zu entscheiden, was ich spiele. Dazu gehört auch die Freiheit, das, was ich links und rechts so höre, mit in meinen Jazz einzubeziehen.“ Das Ergebniss dieser Erkundungen klingt immer exzellent.

 
Globalisierter Zeitgeist
Till Brönner erfüllt die hohen Erwartungen im ausverkauften Kasseler Kulturzelt

PDF-DownloadPDF-Download: HNA-Kritik

Till Brönner ist ein Star. Er hat mehr CDs verkauft als irgendein anderer deutscher Jazzmusiker. Bei seinem Konzert im Kasseler Kulturzelt wird auch klar warum. Er ist der Klinsmann des Jazz, die intellektuelle Partymeile der improvisierten Musik. Der dezent gestylte, swingende Hauptdarsteller einer musikalischen Daily Soap, bei der man der Tradition Gel in die Haare schmiert und alte Popperlen in Gucci verpackt.

Fakt ist, das Brönner als exzellenter Trompeter auf Weltniveau bläst. Des Weiteren hat er die Loungemusik mit hochwertigen Songs einer neuen Dimension zugeführt. Die Tragik, die Verzweiflung, das unbeliebte Experiment, all das hat Brönner jedoch dem Jazz in seinen Kompositionen abgesaugt. Er präsentiert dem begeisterten Publikum passend zum Designer-Wohnzimmer ein ästhetisches Patchwork.

Es ist die optimistische, sinnliche Antwort auf die erschöpfte Suche nach fundamentaler Erfahrung. Wie ein vertonter Sonnenaufgang in dem Film „Lost in Translation“, zwischen all den verglasten Hochhäusern und Leuchtreklamen, der den Menschen Fortschritt und Exklusivität suggeriert.

Der Livesound, das Bühnenlicht, die kleinen Anekdoten, all das ist stimmig und glänzt durch Perfektion. Seine Band bewegt sich präzise durch alle Stimmungen und jeder Einzelne ist ein brillanter Vertreter dieses Konzeptes. Die Mischung aus Bebop, Funk, Balladen und Westcoast Jazz ist vor allem eines: globalisierter Zeitgeist.

Brönners aktuelle CD „Oceana“ (u. a. mit Larry Goldings und Gary Foster) ist bei Verve/Universal erschienen.

Von Andreas Köthe / HNA

17. Juli: Anoushka Shankar (USA)

Anoushka ShankarKonzertkritik der HNA

Mit ihren erst 25 Jahren hat Anoushka Shankar, Tochter und langjährige Schülerin des indischen Sitarvirtuosen und Komponisten Ravi Shankar und Schwester von Norah Jones, bereits erreicht, wofür andere Musiker Jahrzehnte benötigen. Die Sitar ist gewissermaßen das Königsinstrument der indischen Musik und Anoushka Shankar debütierte bereits mit 13 Jahren als Meisterschülerin.

Beginn: 19.30 Uhr,
VVK: 15 Euro & 1,50 Euro Vorverkaufsgebühr, Abendkasse: 17 Euro

Inzwischen selbst virtuos auf der Sitar und dem Konzertpiano, verfolgt Anoushka Shankar stets ihre eigenen Wege, auf denen sie Persönlichkeiten begleiteten, deren Namen den Rang und die Bandbreite ihrer künstlerischen Arbeit beglaubigen. Sie spielte unter Zubin Mehta und trat gemeinsam mit Mstislaw Rostropowitsch auf. Mit Sting, Madonna, Herbie Hancock, Elton John, Peter Gabriel und nicht zuletzt mit ihrer Schwester Norah Jones teilte sie die Bühne, mit George Harrison war sie befreundet, mit Paul McCartney hat sie eng zusammengearbeitet.

Anoushka Shankar verbindet die traditionelle indische Musik mit Elementen des Jazz und des Rock’n Roll. Dabei entsteht etwas vollkommen Neues, in dem das Indische wie das Westliche unzerstört enthalten sind und gleichsam eine untrennbare Einheit bilden. Anoushka verkörpert den Aufbruch des alten Indien in Richtung einer modernen Nation. „Rise“ bedeutet Zunahme, Anstieg und Aufschwung. Der Aufgang der Sonne wird damit ebenso beschrieben, wie der Aufstieg einer Nation.

Mit ihrem Ensemble aus zehn Musikern breitet Anoushka Shankar raumfüllende Klangteppiche aus, die manchmal an die Experimente der Beatles mit Sitar und Tablas erinnern, manchmal an King Crimson und manchmal an nichts von alldem, was man je gehört hat. Während der Ton der Sitar virtuos aufsteigt in orientalischen Klangfolgen, wird der Sound vorangetrieben von Gitarrengrooves, percussion und tragenden Baßläufen. Dabei sind tabla, Flamenco-Piano, live electronoics, flöte, vocals, Bassgitarre und percussion. Ein in jeder Hinsicht außergewöhnliches Konzert.

 
Sitar, Laptop und Pfeifgeräusche
Das Konzert von Shooting-Star Anoushka Shankar im Kasseler Kulturzelt litt am schlechten Sound

PDF-DownloadPDF-Download: HNA-Kritik

Man war gespannt auf Anoushka Shankar, die berühmte Musikerin aus einer berühmten Familie: Ihr Vater heißt Ravi Shankar, ihre Halbschwester Norah Jones, doch das sei nur nebenbei erwähnt. Denn Anoushka Shankar ist eine Sitar-Virtuosin und eine innovative Komponistin, Arrangeurin und Produzentin, wie auf der CD „Rise“ nachzuhören ist. Klassische indische Musik mixt sie mit modernen westlichen Elementen – ein Soundtrack fürs spirituelle Relaxen.

Ein Doppelgesicht aus Tradition und Moderne zeigte auch die Besetzung ihrer siebenköpfigen Band im ausverkauften Kasseler Kulturzelt. Der Tabla-Virtuose Tanmoy Bose war ebenso dabei wie Nick Able, der am Laptop die Live-Electronics beisteuerte. Mal ging es ganz klassisch zu, mal mit Beats und atmosphärischen Klangtapeten im Hintergrund. Und da neben der impulsiven jungen Meisterin noch weitere exzellente Musiker auftraten, hätte es ein Spitzenkonzert werden können.

Aber leider war der Sound ungewöhnlich schlecht. Nicht einmal ansatzweise konnte er mit der Perfektion von „Rise“ mithalten. Die Bordunsaiten des Sitar kamen zu hell und aggressiv rüber, der Flügel klang zu hart, der E-Bass wummerte anfangs brachial, und es haperte auch mit der Balance. Kein Wunder, dass die Musiker dem Tontechniker, der nicht vom Kulturzelt-Team kam, oft mit Handzeichen Veränderungswünsche für die Abmischung zu verstehen gaben. Besonders schlimm: Sogar einige schrill pfeifende Rückkopplungs-Geräusche musste man über sich ergehen lassen.

Am ausgewogensten wirkte der Klang noch bei dem langen Stück gegen Ende des Abends. Durch die tönende Mathematik des indischen Musiksystems spielten sich Anoushka Shankar, die Percussionisten Tanmoy Bose und Pirashanna Thevarajah und der Flötist Ravichandra Kulur mit ungeheurer Virtuosität. Die Ovationen danach waren wirklich verdient.

Von Georg Pepl / HNA

22. Juli: Michael Nyman Band(GB/USA)

Michael Nyman BandKonzertkritik der HNA

Der 1944 in Großbritanien geborene Komponist und Pianist zählt neben Philip Glass und Steve Reich zu den arriviertesten und innovativsten zeitgenössischen Musikern der Minimal Art Music. Die kongenialen Filmmusiken zu Greenaways ‚Draughtmans Contract’, ‚The Cook, The Thief, His Wife and Her Lover’, und Prospero’s Books’ und einige mehr sind fast symbiotisch mit der opulenten Ästhetik des zirzensischen Regisseurs verbunden. Den größten kommerziellen Erfolg und eine Oskar-Nomminierung dazu erhielt Michael Nyman mit der Filmmusik zu Jane Campions ‚The Piano’.

Beginn: 19.30 Uhr,
VVK: 20 Euro & 1,50 Euro Vorverkaufsgebühr, Abendkasse: 22 Euro

Michael Nyman ist auf vielen Bühnen zuhause: Er komponierte für Volker Schlöndorff, für Michael Winterbottom und schuf nach den Libretti von Oliver Sacks die Opern ‚The Man Who Misock His Wife For A Hat’ und ‚The Only Witness’. Das 1974 von Nyman verfasste Buch ‚Experimental Music – Cage and beyond’ zählt noch heute zu den Standardwerken des Minimalismus.

Nyman schrieb zahlreiche Symphonien, Liederzyklen und Kammermusiken. Im Gegensatz zu seinen amerikanischen Kollegen, die penible Formelsysteme der Minimal Music nutzten, verweist Michael Nyman auf die gesamte europäische Musikgeschichte, die ihm zum Material wird. Hier wird keine Tradition gebrochen, sondern der Traditionsbruch selbst als kulturelles Erbe entlarvt.

Schon in der Instrumentation der Kompositionen zeigt sich Nymans ebenso reizvolle wie avantgardistische Verbindung von historischen und modernen Elementen: Nyman kombiniert Rebec, Schalmei und Zugposaune mit Sopransaxophon, Banjo und Bass Drum. Die gleichwertige Verwendung eines Saxophonsatzes neben der Streichergruppe steht für die Konfrontation opulenter europäischer Klassik mit minimaler Formensprache. Konzertsaal versus Rockhall.

Auch Nymans Recycling eigener Stücke verträgt sich nicht mit der romantischen Vorstellung, ein Kunstwerk wolle hart errungen werden. Was vor zehn Jahren noch wild und bombastisch klang, ist heute fragil und melancholisch.Mit den Neueinspielungen diverser Soundtracks 2005 (The Composers Cut Serie Vol. I-III; Nyman/Greenaway Revisited) arrangiert Nyman mit seiner Band die ursprünglich verschwenderisch emotionalen Kompositionen in zarter melodischer Sprache.

Michael Nymann, piano; Gabrielle Lester, violin; Chaterine Thompson, violin; Kate Musker, viola; Anthony Hinnigan, cello; David Roach, sop sax, alt sax; Simon Haram, sop sax, alt sax; Andrrew Findon, bariton sax, flute, piccolo; Martin Elliott, bass guitar; David Lee, French horn, Steven Sidwell, trumpet; Nigel Barr, bass trombone.

 
Populär und umstritten
Michael Nyman im Kasseler Kulturzelt

PDF-DownloadPDF-Download: HNA-Kritik

Populäre Komponisten sind meistens umstritten. Musik, die viele Zuhörer in Gänsehaut-Gefühlen schwelgen lässt, können andere als primitiv und kitschig empfinden. Ein endgültiges Urteil gibt es da nicht, sondern nur unterschiedliche Sichtweisen. So verhielt es sich auch bei dem umjubelten Kasseler Kulturzelt-Auftritt von Michael Nyman, dem legendären Komponisten der (meisten) Greenaway-Filme und von Jane Campions “Das Piano”.

Die positive Sicht: Die Energie Nymans und seiner tollen elfköpfigen Band - vier Streicher, sechs Bläser und ein Bassgitarrist - haute einen fast um. Die unverwechselbare Tonsprache des britischen Individualisten pulsierte kraftvoll und ließ Bilder im Kopf entstehen. Ein Erlebnis war es auch, als der Pianist Nyman im zweiten Konzertteil einige romantische Stücke wie “The Heart Asks Pleasure First” aus seinem erfolgreichsten Soundtrack spielte.

Aber, so die kritische Sicht: All die Energie ging mit einer Vergröberung einher, und zwar nicht nur wegen heftigen Lautstärke der Band. Selbst für Minimal-Music-Verhältnisse war das (unmoderierte) Programm recht eintönig. Was Nymans Klavierspiel angeht: Da herrschte eine bemerkenswerte Monotonie der gehämmerten Staccato-Akkorde vor. Und für die Schludrigkeit, mit der er die Klaviersoli präsentierte, würde ein unbekannter Pianist verrissen werden.

Von Georg Pepl / HNA

19. Juli: Tower of Power (USA)

Tower of PowerKonzertkritik der HNA

Tower of Power aus Oakland gehören zu dem Besten, was das Genre Soul zu bieten hat. Die Band um Leader Emilio Castello und Stephen „Doc“ Kupka ist seit dreißig Jahren für einen unverwechselbaren Sound verantwortlich, der die Klischees des frühen Soul und Funk so ungemein geschickt verarbeitet, dass ihre Hits wie „Soul Vaccation“ und „Knock yourself out“ klingen, als seien sie soeben komponiert worden. Sie haben eine der wichtigsten Fragen der Musikgeschichte geschrieben: „What is hip?“ - und diese dann auch gleich beantwortet.

Beginn: 19.30 Uhr,
VVK: 17 Euro & 1,50 Euro Vorverkaufsgebühr, Abendkasse: 19 Euro

Zum einen komplizierte Grooves, bei denen der Einsatz der Synkopen auf die Spitze getrieben wird, zum anderen die Dominanz der Bläsersektion - die Rhythmen sind immer tanzbar ohne balladeske Attitüde. Ihren speziellen Groove entfaltet die Band durch die Art, wie sie mit den Arrangements umgeht, wie sie kurze und unglaublich präzise Bläserstöße in das brodelnde Soulfunk-Fundament schickt.

Allesamt sind sie Weltklasse-Musiker, mehr verliebt in Grooves und Swing als in die eigene Kunstfertigkeit. David Garibaldi am Schlagzeug ist Idol einer ganzen Musikergeneration. Das handwerkliche Können darf getrost als konkurrenzlos bezeichnet werden und findet in Musikerkreisen höchste Anerkennung. Sie werden immer gern gebucht, eine Auswahl ihrer bekanntesten Arbeitgeber sind Elton John, Rolling Stones, die Eurythmics und Phil Collins. Bei ihren Live-Auftritten zünden Tower of Power eine Party, lebensfroh und erdig: funky eben und immer „well in time“.

 
Gralshüter echter Soulmusik
“Tower of Power” präsentierten sich als Groove-Maschine mit anhaltend hoher Taktzahl

PDF-DownloadPDF-Download: HNA-Kritik

Nicht enden wollende Beifallsstürme branden an die Kulturzeltbühne - dabei haben sie noch gar nicht richtig angefangen. Es ist eine Würdigung der 38-jährigen Bühnenleistung, in der “Tower of Power” 15 Alben veröffentlicht und unzählige Tourneen absolviert haben. Zum wiederholten Mal blickte das zehnköpfige Soul- und Funkgestirn aus Oakland auf ein ausverkauftes Zelt, zwar ohne neues Album, dafür mit randvollem Repertoire.

Knifflig arrangiert, geradlinig im Stil, aber ebenso lässig und tanzbar, war ihr Konzert am Mittwochabend. Eine Auslese aus vier Bandjahrzehnten und ein musikalisches Manifest für die “echte Soulmusik”, wie Bandgründer Emilio Castillo seine Passion beschreibt, erwarteten das restlos begeisterte Publikum.

Aufgeknöpftes weißes Hemd, Goldkettchen mit Kreuzanhänger und Extremitäten, in denen sich die Grooves der Band entluden. Larry Braggs, der Leadsänger, der auch den Animateur mimte, gebührte nur die Rolle des zweiten Stars der Band. Stärker noch schillerte der renommierte, fünfköpfige Bläsersatz, dessen Seele die beiden Urväter von “Tower of Power” Tenorsaxofonist Castillo und Baritonsaxofonist Stephen Kupka, sind. Exakt wie eine Mechanik griffen die drei Saxofone und zwei Trompeten ineinander, punktgenau brachen sie einzeln aus dem Bläserensemble hervor, um dann wieder in ihm aufzugehen. Immer wieder bejubelt wurde das dumpfe Quäken von Kupkas Baritonsaxofon, aber auch sonst geizten die Arrangements nicht mit Raum für Instrumentalpassagen - hervorzuheben Keyboarder Roger Smith an der Hammondorgel.

Die Songformate variierten zwischen zappelig-groovigen Funknummern (”What is hip?”) und üppigen Soulballaden (”Time will tell”), beide Tonalitäten brachte Braggs Soulstimme inbrünstig hervor. “I got to groove …”, sang Braggs und die mächtige Gestalt Kupkas schüttelte elektrisiert die Hüfte. Hier lebt man Musik und lässt sich auch vom fortschreitenden Alter nicht stoppen. Zur Hymne auf James Brown “Diggin’ on James Brown” griff Castillo selbst zum Mikro. Das Publikum war angetan und der Kalifornier auch: “Kassel, just I remember it”. Zum Abschied war es wie mit dem Soulschmeichler “So very hard to go”.

Von Bastian Ludwig / HNA

20. Juli: The Bad Plus (USA)

The Bad PlusKonzertkritik der HNA

The Bad Plus stehen auf unserer Wunschliste schon lang ganz oben! Sie gelten als das lauteste Pianotrio des Jazz und können selbst am lautesten über diese Kategorisierung lachen. Hätte es jemals eine Antwort auf Frank Zappas ketzerische Frage: „Does humor belong to music?“ gegeben – sie hätte so geklungen wie die Musik von Bad Plus.

Beginn: 19.30 Uhr,
VVK: 14 Euro & 1,50 Euro Vorverkaufsgebühr, Abendkasse: 16 Euro

Der Erfolg von Bad Plus lebt von ideenreichen Improvisationen in Form verrückter Eigenkompositionen und schaurig schöner Cover-Versionen. Allein der Blick über den jazzigen Tellerrand hinaus ist ein Verweis darauf, dass hier keine missgelaunten Puristen am Werk sind. Wohin sich das Kollektiv in seiner Musik bewegt, ist nie absehbar. So wenig wie die Frage, was Nirwanas „Smells like Teen Spirit“ mit „Flim“ von Aphex Twin gemein hat – außer dem Fakt, dass sich beide Titel zwischen „Heart of Glass“ von Blondie in wunderbare, liebevoll zerlegte Interpretationen von Bad Plus gelegt haben.

Die einzige Regel, die dieses Trio akzeptiert, ist die der Qualität und der Kommunikation – kategorische Imperative sind ihnen völlig fremd. Sie finden, dass nur die Phantasie die Grenzen des Jazz festlegen sollte, nicht der Stil. Reid Anderson am Bass, Ethan Iverson am Piano und David King an den Drums überraschen durch ein schier unglaubliches Transformationsvermögen. Sie erzählen von der Dekonstruktion verschiedener Einflüsse und vermeiden den Begriff der Fusion. Statt dessen übertragen sie die von Dance, Pop und Rock inspirierten Tonfolgen in ihre eigene unerschütterliche Sprache aus reinem Jazz. Davon lassen sich auch eingefleischte Popmusik-Hörer anstecken und die „echten“ Jazzer jubeln ihrem Stern am Himmel zu. Bad Plus sind Seelenpunker im Jazz-Gewand, ebenso humorvoll wie virtuos.

 
Vom Kopf auf die Füße gestellt
Das Klaviertrio The Bad Plus spielte im Kulturzelt Jazz mit Humor und professioneller Leichtigkeit

PDF-DownloadPDF-Download: HNA-Kritik

Das klassische Klaviertrio im Jazz definiert sich - wie der Name schon sagt - vom Klavier hier. Das Klavier schlägt ein Thema an, variiert es, Bass und Schlagzeug akzentuieren, begleiten, ergänzen solistisch, bis am Ende wieder alles im Thema mündet. Von daher hat The Bad Plus, das vorgestern im Kulturzelt an der Drahtbrücke mit einem grandiosen Auftritt begeisterte, das klassische Klaviertrio vom Kopf auf die Füße gestellt.

Schlagzeuger David King ist und bleibt von Anfang an der bestimmende Akteur auf der Bühne. Sein Spiel ist ein permanentes Schlagzeugsolo, das von Reid Anderson am Bass und Ethan Iverson am Piano begleitet wird. King benutzt das Schlagzeug nicht ausschließlich als Rhythmusinstrument, nein, er entlockt ihm Töne, Stimmungen, spricht mit ihm, streichelt es zart, um es im nächsten Moment gnadenlos zu verprügeln. Selbst wenn King den Besen streicht, ja selbst, wenn er Takte auslässt, ist sein ganzer Körper unablässig in Bewegung.

Jazz mit Humor: The Bad Plus spielen mit professioneller Leichtigkeit, die ihnen erlaubt, komisch zu sein, ohne aufgesetzt zu wirken. Burt Bacharachs Schnulze “This Guy Is In Love With You” wird demontiert und mit Fahrradklingel dezent ihrer Romantik beraubt, das James-Bond-Thema zu “Live And Let Die” wird in alle Einzelteile zerlegt und wieder zusammengesetzt.

Mit faszinierender Leichtigkeit bedienen sie sich, zitieren Motive und Themen, wechseln abrupt den Takt, während Iverson sich mal kurz in einer schönen Melodie verliert. Es ist Jazz für Augen, Ohren, Kopf und Herz, mitreißend und im Wortsinne - schlagkräftig.

The Bad Plus reißen das Publikum zu Ovationen hin, was selbst die Akteure auf der Bühne überrascht hat: “You are incredible”, ruft Iverson nach der ersten Zugabe ins Publikum. Und die zweite Zugabe der Unglaublichen für die Unglaublichen folgt sogleich.

Von Andreas Gebhardt / HNA

16. Juli: Triosence, Christina Lux Trio, Carolina Stefani & Hartmut Schmidt (D)

TriosenceKonzertkritik der HNA

Ein Abend im Kulturzelt ist nun schon traditionell der hervorragenden Musik-Szene Kassels gewidmet. Gleich drei Ensembles könnnen in diesem Sommer mit neuem Programm aufwarten. Den Anfang macht Triosence. Das Jazztrio des Pianisten und Komponisten Bernhard Schüler mit Michael Kehraus am Bass und Stefan Emig an den Drums ist eine der erfolgreichsten Nachwuchsbands Deutschlands.

Beginn: 19.30 Uhr,
VVK: 14 Euro & 1,50 Euro Vorverkaufsgebühr, Abendkasse: 16 Euro

Zahlreiche Wettbewerbe und Preise haben sie gewonnen und damit für Furore gesorgt. Triosence ist nicht nur Name, sondern Konzept: Die „Trio-Essenz“ liegt in der Gleichberechtigung von Klavier, Bass und Schlagzeug. Die drei Individualisten verarbeiten Jazz, Fusion und Weltmusik zu einem opulenten Klanggemälde. Ihr Spektrum, klar und lyrisch, erschließt in den Kompositionen Schülers eine selten zu hörende Intensität.

Christina LuxChristina Lux stellt mit iher jüngsten Veröffentlichung „Coming home at last“ einmal mehr unter Beweis, wie vielseitig ihre musikalische Sprache ist. Da wechselt sie nicht nur von Song zu Song die Gitarre, sondern selbst innerhalb eines Liedes die Sprachen.

Ihre an Klangfarben reiche multi-oktave Stimme, die ebenso schmeichelnd hauchen kann, wie sie temperamentvoll scattet, korrespondiert mit temporeichem Funk und Soul, mit ruhigen Balladen und erdigem Blues. Sie hat mit Oleta Adams und Gabrielle gesungen und in zahlreichen internationalen Formationen gearbeitet; im Kasseler Kulturzelt wird sie im Trio mit Marius Goldhammer am Bass und Heiko Braun an den Drums zu hören sein.

Carolina StefaniCarolina Stefani und Hartmut Schmidt widmen sich vor allem dem griechischen Rembetiko. Aber auch Klassiker von Jacques Brel und Manos Loisos finden Platz im mediteranen Reisekoffer dieses Duos. Carolina hat griechisches Blut in den Adern und eine klassische Gesangsausbildung auf ihrer Seite. Sie scheint mit ihrer warmen, pointierten Stimme prädestiniert für das dolce vita der südlichen Sonne. Hartmut Schmidt begleitet sie an Klavier und gelegentlich am Akkordeon.

Im vergangenen Jahr nahmen sie auf dem renommierten Sundance-Label „melodie mediterane“ auf. Ein filigran-eleganter Streifzug durch den musikalischen Reichtum des Mittelmeer-Raumes. Begleitet werden die beiden von Heiko Eulen am Kontrabass und Jörg Müller-Fest an den Percussions.

 
Abgrundtief melancholisch bis federleicht fröhlich
Triosence, Christina Lux Trio und Carolina Stefani & Hartmut Schmidt zeigten musikalische Vielfalt im Kasseler Kulturzelt

PDF-DownloadPDF-Download: HNA-Kritik

Das Beste kommt immer zum Schluss. Dass das nicht stimmt, bewiesen am Sonntagabend die drei Kasseler Ensembles im Kulturzelt, die unterschiedlicher nicht hätten sein können.

Wer dachte, sich bei den ersten Interpreten entspannt berieseln zu lassen, hatte sich geirrt. Wer bei Jazz nur an das Komplizierte denkt, rieb sich erstaunt die Augen. Triosence, das Jazztrio des Pianisten und Komponisten Bernhard Schüler mit Pascal Niggenkemper am Bass und Stephan Emig an den Drums, überraschte mit einem Potpourri neuer, herrlich eingängiger Melodien, rasanter Tempo- und Taktwechsel und rhythmisch gewagter Experimente.

Die Müdigkeit eines heißen Sonntagnachmittages war bei den 500 Zuhörern des Kasseler Kulturzeltes schnell verflogen. Im Takt wippten die Fußspitzen, Mundwinkel zuckten, es kribbelte in den Beinen - kaum einer im Publikum konnte sich der Intensität des opulenten Klanggemäldes aus Jazz, Fusion und Weltmusik entziehen.

Gleichberechtigt macht jeder der drei Individualisten von Triosence sein eigenes musikalisches Ding. Klavier, Bass und Schlagzeug pendeln zwischen abgrundtiefer Melancholie und federleichter Fröhlichkeit. Mal rauscht das Klavier in impressionistischen Wellen davon, mal zupft sich der Kontrabass ein Stück weiter weg, mal beschleunigt das Schlagzeug den Puls der Musik und stiehlt sich mit rasendem Herzschlag in einen doppelt so schnellen Uptime Swing - nur um am Ende doch in trauter Dreieinigkeit in der Harmonie eines langsamen Walzers zu verschmelzen - ein schelmisches Lächeln der drei Musiker inklusive. Tosender Applaus - am liebsten hätte man die Melodien mitgepfiffen. Jazz und mitpfeifen? Überraschend anders eben.

Auch das zweite Ensemble, Carolina Stefani und Hartmut Schmidt, überraschte - das aber vor allem durch die Bühnenpräsenz Carolina Stefanis. Die Sängerin und Halbgriechin mit der klassischen Gesangsausbildung kokettiert mit ihrem Publikum in mediterranen Klassikern von Jacques Brel bis Manos Loisos. Wenn sie tieftraurig im griechischen Blues von Liebe, Alkohol und verrauchten Hafenkneipen singt, nimmt man ihr das genauso ab wie ihre fröhlichen Träumereien vom italienischen Dolce Vita - schon sieht man sie im knallroten Cabrio die italienische Adriaküste entlangfahren. Jede ihrer lasziven Handbewegungen sitzt. Wegschauen gilt nicht.

Mit einer gehörigen Portion „Lux und Liebe“ - wie sich die Sängerin selbst ankündigte - versorgte Christina Lux zum Abschluss das Publikum im Kulturzelt. Von temperamentvollem Funk über chillige Soulballaden bis zu erdigem Blues - die Kasselerin gab ihr Bestes, um ihr Versprechen einzuhalten.

Mit ihrer Multi-Oktavenstimme haucht sie schmeichelnd ins Mikro, wechselt innerhalb eines Songs die Sprache und rockt ausgelassen mit Marius Goldhammer (Bass) und Tom Baldu (Drums) auf der Bühne. Ihre Texte über die Abgründe des Familienlebens provozieren. Um die provozierte Zugabe kam sie nicht drum herum.

Von Angelika Kleinhenz / HNA

15. Juli: Simphiwe Dana (SA)

Simphiwe Danazur Pressekritik

Simphiwe Dana, die junge Sängerin mit der tiefen, unter die Haut gehenden Stimme, ist zur Zeit der absolute Shooting Star der südafrikanischen Musikszene. Ihr Debüt-Album „Zandisile“ hat inzwischen Platin-Status, und ihre Musik ist als Klingelton heiß begehrt. Dabei war der 1980 geborenen Künstlerin, die im Provinzstädtchen Butterworth in Südafrikas ärmster Region Eastern Cape aufwuchs, eine solche Karriere nicht in die Wiege gelegt worden.

Beginn: 19.30 Uhr,
VVK: 14 Euro & 1,50 Euro Vorverkaufsgebühr, Abendkasse: 16 Euro

Schon als Vierjährige musste sie zum Unterhalt der Familie beitragen: Barfuß holte sie jeden Tage Wasser vom Fluss und Brennholz aus dem Wald. Ihre Musikschule war für die Pfarrerstochter die gleiche wie für zahllose andere Vokalisten in Südafrika und den USA – der Kirchenchor.

Mit der Veröffentlichung von „Zandisile“, das sich stilistisch zwischen Soul, Jazz, Gospel, HipHop und traditionellen a-cappella-Chören bewegt, stieg Simphiwe Dana in Südafrika vom vielbeachteten Newcomer zum Star auf. Bei den South African Music Awards, Südafrikas Äquivalent zum Grammy, bekam sie 2005 die Preise in den Kategorien „Best Newcomer“ und „Best Jazz Vocal Album“; für die Awards als beste Komponistin und beste Künstlerin war sie ebenfalls nominiert. Ihren Song „Ndiredi“ kann in Südafrika jeder mitsingen.

Alle Songs hat Simphiwe Dana selbst geschrieben, zum Teil in Kooperation mit einigen der großen Namen der südafrikanischen Musikszene wie Produzent Thapelo Khomo, Ex-Keyboarder der Kultformationen Stimela und Bayete, oder Carlo Mombelli, der zu den Top-Bassisten in Südafrika zählt. Ebenfalls auf „Zandisile“ zu hören sind Bassist Victor Masondo, Ex-Produzent von Miriam Makeba, und Drummer Issac Mtshali, der schon 1985 bei Paul Simon’s „Graceland“ beeindruckte.

Als wichtige Einflüsse nennt Simphiwe Dana die Jazzlegenden Lena Horne und Sarah Vaughan, südafrikanische Veteraninnen wie Dorothy Masuka, aber auch Künstler aus den Bereichen Reggae Jive und traditioneller Xhosa-Musik. Ihren eigenen Stil definiert sie als moderne afrikanische Soul-Musik. Fast alle Lieder, die Simphiwe Dana ihrer ersten Tochter Zazi gewidmet hat, singt sie nicht auf Englisch und zeigt damit, dass auch ihre Muttersprache Xhosa soul-kompatibel ist.

Mit der internationalen Veröffentlichung von „Zandisile“ und der Europa-Tournee in diesem Jahr wird Simphiwe Dana dem Rest der Welt künden, dass sie das ist, was das Internetmagazin von Südafrikas größtem Onlineservice-Provider MWEB über sie schrieb: „The best thing to happen to Afro-soul music since Miriam Makeba.“ Das Potenzial, in die große Fußstapfen von Miriam Makeba und Nina Simone zu treten, hat sie allemal.

Mit freundlicher Unterstützung der Kasseler Sparkasse

 
Sengende Sonne und Jazzkeller
Simphiwe Dana verband im Kulturzelt südafrikanischen Gesang mit verschiedenen Musikstilen

PDF-DownloadPDF-Download: HNA-Kritik

“Ein Wunder”, so bezeichnet Simphiwe Dana ihre erste Tour durch Europa. “Erstaunlich” findet sie den Erfolg ihres Programms “Zandisile” fern ihrer südafrikanischen Heimat. In der Tat scheinen die zierliche Sängerin und ihre Band das Staunen nicht verlernt zu haben. Echte Freude zeigt sich auf den Gesichtern der neun Musiker ob des begeisterten Applauses im Kasseler Kulturzelt.

Dabei sind es eher die Soulstimme der Sängerin mit ihren ungeahnten Tiefen und die Oktavensprünge des Backgroundgesangs, die zum Staunen verleiten. Afrikanisch traditionell klingt das, wenn Simphiwe Dana die Worte ihrer Muttersprache Xhosa klingen lässt. Ihre Stimme entführt in die sengende Sonne des schwarzen Kontinents, während die Musik das Dunkel eines Jazzkellers heraufbeschwört.

Es ist diese Verbindung aus Jazz und Gospel, Soul und afrikanischem A-cappella, die das Besondere ihrer Musik ausmacht. Und die Inbrunst, mit der das Ensemble sie zum Besten gibt: Simphiwe Dana greift immer wieder nach den Sternen, lässt ihre Hände den Ausdruck des Gesangs unterstreichen. Auch in den Soloeinlagen der Backgroundsängerin und -sänger zeigt sich die reine Lust am Gesang, der sich der Körper nicht entziehen kann.

Stimmgewaltig beklagt die Sängerin die Armut in ihrer Heimat, besingt die innere Freiheit. Simphiwe Dana, mit Turban und gelb-braunem Leinenkleid, erläutert auf Englisch die Bedeutung ihrer Songs. “Oft singen wir traurige Lieder auf eine lustige Weise”, erklärt sie. Und gibt den Text eines Schlaflieds wieder: Dank all den Menschen, die dafür kämpfen, dass unsere Kinder afrikanische Kinder sein dürfen.

Trotz einzelner englisch-sprachiger Songs wie “Troubled soldier” mit stärkerem Jazz-Charakter bleibt Simphiwe Dana dem Xhosa-Gesang treu. In “Ndiredi” mit seinem sich beschwörend wiederholenden Motiv findet das Programm zweifellos seinen wundervollen Höhepunkt.

Von Tanja Festor / HNA

14. Juli: Dianne Reeves (USA)

Dianne ReevesKonzertkritik der HNA

Dianne Reeves verfügt über eine der schönsten, vielseitigsten und ausdrucksvollsten Jazz-Stimmen unserer Zeit, und sie gehört zu der kleinen Riege der wirklichen und durchaus glamourösen Jazz-Primadonnen. Good Night, and Good Luck - für ihr jüngstes Projekt gestaltete Dianne Reeves den Soundtrack zum gleichnamigen Film von George Clooney und wurde dafür sogleich mit einem Grammy geehrt. Sie besitzt einen unglaublichen Stimmumfang und bringt in jeder Lage eine Vielzahl von Farben und Modulationen hervor. Sie weiß um das instrumentale ihrer Vokalkunst ohne je andere Instrumente zu imitieren. Dies hat sie gemein mit dem großen Vorbild Sarah Vaughan, der Dianne mit „The Calling – Celebrating Sarah Vaughan“ Tribut zollte.

Beginn: 19.30 Uhr,
VVK: 20 Euro & 1,50 Euro Vorverkaufsgebühr, Abendkasse: 22 Euro

Die Reeves setzt Vaughans Klassiker mit zeitlosen wie modernen Orchester-Arrangements um, schichtet Texturen und widmet sich der untextierten Gesangsimprovisation. Zwei Berührungspunkte mit Sarah Vaughan gab es im Leben von Dianne Reeves. Einmal, gerade 17 Jahre alt, sang sie in der Band von Clarc Terry und im Publikum saß die Grande Dame und soll entzückt gewesen sein. Ein anderes Mal schwärmte Dianne einer älteren Sängerin von ihrem Idol vor, nicht wissend, dass es „Sassy“ höchstpersönlich war, deren Tugenden sie da pries.

Nun, inzwischen wird die renommierte afro-amerikanische Sängerin selbst mit ehrenvollen Aufgaben betraut. Sie ist Professorin der Philharmonie of Los Angeles, für ihre Alben wurden sie im vergangenen Jahr zum zweiten Mal in Folge mit dem Grammy ausgezeichnet. Und längst hat sie das Erbe legendärer Interpetinnen wie Betty Carter oder Ella Fitzgerald angetreten.

Ihre eigenen Songs zeugen von einer Qualität, der Dianne Reeves mehr als den Ruf einer nachschöpferischen Künstlerin einbringt. Ausgefeilte Arrangements und eine Stimme, die sich ihrer Einzigartigkeit bewusst ist, sind auf ihrer gerade erschienenen Compilation „The Best of Dianne Reeves“ zu hören. Aber auch der einfühlsame Live-Take von Joni Mitchells „River“ treibt Gänsehaut über den Rücken, und Errol Garner wäre stolz gewesen auf das von einem Klaviertrio begleitete und in einem Shirley Horn Balladentempo gemeisterten „Misty“. Die Perlen der Reeves`schen Gesangskunst zeugen von unverwechselbarer emotionaler Essenz.

Dianne Reeves, vocal; Peter Martin, piano; Reuben Rogers, bass; Greg Hutchinson, drums.

Mit freundlicher Unterstützung der Wintershall AG

 
Fixstern am Jazzhimmel
Dianne Reeves begeisterte im Kasseler Kulturzelt mit ihrer ausdrucksstarken Stimme

PDF-DownloadPDF-Download: HNA-Kritik

Auf der Bühne zu stehen und zu singen, ist für sie wie Magie. Und das Leben zu lieben, immer eine Chance, “denn was haben wir sonst für eine Alternative”, sagt sie und strahlt ins Publikum. Dianne Reeves, Fixstern am Jazzhimmel, hat ihre eigene Philosophie – eine, die grundsolide ist und zugleich spirituell. Im Kasseler Kulturzelt schmeichelt sich am Freitagabend die betörende Altstimme der afroamerikanischen Sängerin in die Herzen ihres Publikums: Ein wenig Skat-Gesang, ein wenig Samba und vor allem lasziver, melancholischer Barjazz, mehr braucht Dianne Reeves nicht, um ein Programm bis zum Rand zu füllen.

Denn da ist eben ihre Stimme, die die untextierte Gesangsimprovisation als Quelle schier unerschöpflicher Möglichkeiten nutzt. Die Sängerin mit dem bunt gemusterten Rock, der schwarzen Bluse und der unprätentiösen Ausstrahlung lässt dann ihre Stimme grummeln wie eine Tuba, schmeicheln wie eine Gitarre und trauern wie ein Saxofon. Und ihr kongeniales Trio - drei Jazzer, die zu Beginn mit einem fast zehnminütigen Opening ihre Meisterklasse unter Beweis stellen - fügen ihre Melodieimprovisationen wie ein viertes, ja fünftes Instrument in ihr Spiel ein.

Die Sängerin und ihr Publikum – an diesem Abend im Kulturzelt wieder einmal eine Einheit. Denn die Lady des Jazz braucht noch nicht einmal mit dem Finger zu schnipsen, um das Klatschen zum weiteren Instrument ihrer Songs zu machen. Songs, die von einer vergangenen Liebe erzählen, wie der 60er-Jahre Brasil-Hit “Once I loved”, aber auch von dem unschuldigen Alter von neun Jahren “At nine”.

Und dass die Lady des Jazz, die für ihren Soundtrack zu George Clooneys Film “Good Night, and Good Luck” mit ihrem vierten Grammy ausgezeichnet wurde, unvermittelt in eine kleine Clooney-Schwärmerei ausbrechen kann, macht sie um so sympathischer. Tief im Herzen ist sie eben noch neun, auch wenn sie in diesem Jahr 50 wird.

Von Juliane Sattler / HNA

13. Juli: Taj Mahal (USA)

Taj MahalKonzertkritik der HNA

Ein Mann mit neugierigen Ohren und einem wachen Geist; und er ist eine der populärsten Figuren des akustischen Blues: Henry St. Clair Fredericks, wie Taj Mahal mit bürgerlichem Namen heisst. Aber er hat auch schon sehr früh begonnen, sich mit ganz anderen musikalischen Stilen zu beschäftigen – von Jazz und Gospel über karibische Rhythmen bis zum Zydeco oder der Musik aus Hawai.

Beginn: 19.30 Uhr,
VVK: 16 Euro & 1,50 Euro Vorverkaufsgebühr, Abendkasse: 18 Euro

Man könnte ihn fast einen Musik-Ethnologen nennen angesichts der vielen Experimente und Aufnahmen, die er mit Kollegen aus fremden Musikkulturen gemacht hat – darunter sein legendäres Album mit dem Kora-Spieler Toumani Diabate aus Mali, in diesem Sommer auch im Kulturzelt zu Gast (9.8.). Sein letztes Projekt galt der Musik Zanzibars, in der sich die Kulturen Arabiens, Afrikas und Asiens auf eindrucksvolle Weise miteinander verbinden.

Der alleinigen Kategorisierung als Blues-Mann wird die komplexe Persönlichkeit Taj Mahals nicht gerecht. Die Musiker, die Mahal für sein künstlerisches Schaffen, sein „musical banquet“, wie er es selbst nennt, finden ihre Traditionen in Indien (Vishwa Mohan Bhatt), in Afrika (Ali Farka Touré, Taarab Orchestra) und in Hawai (Hula Blues Band).

Doch back to the roots: Es wird wieder einmal Zeit, der Essenz des Blues im Süden der USA nachzuspüren. Dies tut Taj Mahal mit seinem Trio. Ein seelenvoll groovendes akustisches Miteinander, mal fröhlich festiv, mal sehnsüchtig-sentimental. Und alle Eindrücke der langen Reisen durch die Kulturen scheinen sich hier zu treffen und ein ganz selbstverständliches und kosmopolitisches Fest zu feiern.

 
Der Meister des Blues
Gitarrist Taj Mahal mit schweißtreibender Show im Kasseler Kulturzelt

PDF-DownloadPDF-Download: HNA-Kritik

“Ein supa Somma”, sagt Taj Mahal. Der Schweiß fließt in Strömen von der Strohhutkrempe und versickert im Hemd. Was soll’s. Taj Mahal spielt im Kasseler Kulturzelt den Blues, und das ist die angemessene Musik bei dieser Hitze. Taj Mahal, der Blues-Pionier. Henry St. Claire Fredericks, wie er eigentlich heißt, hat den Blues zwar nicht erfunden, aber er hat alle Arten des Blues gespielt.

Vor zwanzig Jahren nannte er seine Musik einfach Blues-Rock-Gospel-Country-Funk. Das war aber noch nicht alles. Abseits des Blues-Mainstreams experimentierte er mit Jazz, Reggae, Calypso, Gospel und Rhythm ’n’ Blues, verschmolz afrikanische und indische Elemente zu einer wahrhaft universalen Musik.

Mit seinem aktuellen Trio besinnt er sich wieder auf die Wurzeln, das Experimentelle lässt er weit gehend weg. Taj Mahals Blues ist nicht traurig, nicht getragen. Der Mann hat Humor, zieht Grimassen, bezieht das Publikum in seinen warmen Gesang mit ein, fegt über die Saiten seiner Gitarre, der er auch mal einen Klaps auf den Po gibt.

Bill Rich lässt den Bass ein wenig zu funky dahinrollen. Schlagzeuger Kester Smith hält sich weit gehend zurück und sorgt gleichwohl für einen treibend akzentuierten Rhythmus. Knapp zwei Stunden feiner Sommer-Blues. Wo sind die Stühle? Man mochte sich im Rhythmus hin und her wiegen, zum ausgelassenen Tanzen lud Taj Mahal nicht gerade ein. Sitzend sich entspannen, genießen und einfach zuhören, das wäre das Richtige bei der Hitze gewesen.

Von Andreas Gebhardt / HNA

12. Juli: Panteón Rococó (Mex)

Pantéon RococóKonzertkritik der HNA

Mexico City ist ein Moloch, den Politiker dort gern einmal die „Stadt der Hoffnung“ taufen. Wohl eher ist es eine Endstation für die meisten der 18 Millionen Einwohner. Ein Sumpf aus Armut, Gewalt und Korruption. Dass hier keine Band entsteht, die von Promotion- und Marketingleuten erfunden wird, liegt auf der Hand. Panteon Rococo ist ein Phänomen. Ohne Label verkauften sie auf ihrem ersten Europa-Trip Tausende von CDs. Inzwischen sind ihre Konzertreisen in der Regel komplett ausgebucht.

Beginn: 19.30 Uhr,
VVK: 13 Euro & 1,50 Euro Vorverkaufsgebühr, Abendkasse: 15 Euro

In Mexiko hat sich die 12-köpfige Latin Ska Band ganz in den ersten Rang gespielt. Ihre Version des Bobby Hebb Klassikers „Sunny“, von Panteón in „Sonia“ umbenannt, führte noch vor Metallica wochenlang die mexicanischen Charts an. Ein unverhoffter Erfolg, der fast verwundert, bedenkt man ihre sehr ernste und ambitionierte Unterstützung der Zapatisten-Bewegung und der Chiapas-Gebiete.

Aber vor allem auf der Bühne entwickeln Panteón Rococó ihre unschlagbare Macht. Der treibende Musikstil liegt zwischen Ska, Reaggae und Punkrock. Dazu kommt jeder auch nur erdenkliche südamerikanische Stil und Rhythmus: Rumba, Tango, Merengue, Mariachi fließen in ein grenzenloses Spektakel ein. „Trés Vez Tréz“ (Drei mal Drei), ihr jüngstes Album, wurde von den Radiostationen Mexikos boykottiert.

Panteón Rococó nehmen kein Blatt vor den Mund, sie singen von Korruption und Gewalt und leider wollte das nicht jeder hören. Mit Wut und Sarkasmus packen sie den Ärger über Ungerechtigkeit, Missstände, Armut in ihre Texte und schleudern ihn mit packenden Rhythmen, und enormer Energie in den Raum. Die stilistische Vielseitigkeit ihrer Titel ist gerade für lateinamerikanische Ska-Bands typisch und zeigt, wie viel tiefer man hier mit den Wurzeln der eigenen Musiktraditionen verbunden ist und wie viel ehrlicher mit Folklore umgegangen wird. Zwischen ruhigen, teilweise fast romantischen Parts, und lautem, agressiven Ska entwickeln sich Spannungen, die schließlich in schnellen Tempi ihr Finale finden. Auch Reggae, rockige Riffs, Hardcore-Rhythmen und Punk finden Einzug in die Musik der elfköpfigen Band.

So erhält jeder Song seinen eigenen rhythmischen Akzent, seinen speziellen Charakter und strotzt bei aller Dynamik und Kraft vor mitreißenden und eingängigen Melodien. Hervorragende Instrumentalisten und Sänger sind sie ohnehin.

 
Fiesta, Fiesta Mexicana
Panteón Rococó feierten mit ihren “Compañeros Musicales” im Kulturzelt eine ausgelassene Party

PDF-DownloadPDF-Download: HNA-Kritik

Es war eines der heißesten Konzerte, die es je im Kulturzelt gab - und damit ist nicht die sommerliche Temperatur unter dem Zeltdach gemeint, es war mit über zwei Stunden eines der längeren Konzerte, und es gab, zumindest in dieser Saison, zum ersten Mal Stage-Diving von der Kulturzelt-Bühne aus.

Nun misst man die Qualität von Konzerten nicht allein an der Energie, die eine Band rüberbringt, an der Dauer des Auftritts oder am Stage-Diving-Faktor, aber was Panteón Rococó, die 11-köpfige Band aus der mexikanischen Provinz Chiapas, am Mittwochabend im Kulturzelt bot, dürfte als die ultimative Gute-Laune-Party des Sommers 2006 in den Jahresrückblick eingehen. Es war, als hätten Manu Chao, The Clash und Madness gemeinsam auf der Bühne gestanden.

Schon der Bandname, basierend auf dem Drama “El cocodrilo solitario del panteón rococó” von Hugo Arguelles beinhaltet ja einen interessanten Gegensatz - einerseits “Panteón”, den antiken Göttertempel, andererseits “Rococó”, den heiteren Stil der Spätphase des Barock.

Und dieses Namenskonzept passt perfekt zur Musik der Gruppe: Mit Wut und Sarkasmus singen sie Texte über die Schattenseiten des Lebens, verpackt in Salsa-, Merengue-, Reggae-, Ska-, Mariachi- und Rock-Rhythmen, die nichts anderes zulassen, als dazu zu tanzen.

“Marco’s Hall”, der Einstieg in das Konzert, beginnt mit ein paar Akkorden auf der Akustik-Gitarre, Gesang kommt hinzu (”Hasta la victoria siempre”), Percussions und eine von der E-Gitarre unterstützte Bläsersequenz, die das Tempo nochmals anzieht.

Die Stimmung unter den Fans, den “Compañeros Musicales”, ist derweil in kürzester Zeit am Siedepunkt angekommen und bleibt dort für die nächsten 120 Minuten. Jeder Song hat seinen eigenen, rhythmischen Akzent, seinen ganz speziellen Charakter, und strotzt bei aller Dynamik und Kraft vor mitreißenden und eingängigen Melodien.

Es geht ums Leben, ums Lieben, ums Tanzen. Es gibt Schnulzen (”La Rubia y el Demonio”) und eine schier unglaubliche Fassung von “Dosis”, die mit dem Intro von Bob Marleys “Redemption Song” beginnt und dem Refrain von Kiss’ “I was made for lovin‘ you” - intoniert von der Bläsersektion - endet. Es geht um Energie und schier überbordendes Temperament.

Am Ende wehte die Fahne der Studentenproteste über der Bühne, und das Publikum folgte der Band bereitwillig “nach unten” und “nach oben”, bevor es auch die finale Aufforderung beherzigte: “Springen!”

Von Wilhelm Ditzel / HNA

8. Juli: Naked Raven (AUS)

Naked Ravenzur Pressekritik

In Zeiten, in denen auch die Musikbranche überwiegend nach dem Motto „Höher, Schneller, Weiter“ verfährt, lernt man Künstler, die der Schnelllebigkeit der medialen Welt ganz bewusst die Zeitlosigkeit ihrer Musik entgegensetzen, besonders schätzen.

Beginn: 19.30 Uhr,
VVK: 15 Euro & 1,50 Euro Vorverkaufsgebühr, Abendkasse: 17 Euro

Ein Kritiker schrieb über die Musik des australischen Quintetts einmal, sie sei so schön und klar, dass es fast ein bisschen weh tue. Oft surrealistische oder assoziative Texte in behutsamen, fast zärtlich anmutenden Arrangements - die Musik von Naked Raven wendet sich an das innere Outback.

In der 1994 gegründeten Band aus Melbourne treffen fünf musikalische Individualisten zusammen. Musikalischer und lyrischer Kopf des Ensembles ist der Gitarrist Arne Jansen, der für seine Mitstreiter auch gern in die Pianotasten greift oder die Perkussion spielt. Die Violinistin Stephanie Lindner, Cellistin Anne-Christin Schwarz und Perkussionist James Richmond bringen eine klassische Ausbildung mit und spannen den Bogen zum Pop. Der dunkle warme Sound des Cello zaubert filigrane Melodiebögen über einen subtil groovenden Teppich aus Perkussion und Gitarre – und darüber die glasklare und ausdrucksstarke Stimme der Sängerin Janine Maunder.

Naked Raven setzten eigene Standards, ihre Qualität besteht aus Aussage und Atmosphäre. Das Quintett spannt eine Brücke zwischen Kammermusik, Folk und Pop. Charakteristisch sind Soundscapes aus Klängen, die filigran und kunstfertig vielschichtige Assoziationen heraufbeschwören. Dies erinnert an die Dramatik einer Allison Goldfrapp oder Tori Amos.

Die Arrangements sind wie geschaffen für die Musiker, deren unterschiedliches Temperament in kongenialer Zusammenarbeit mündet. Das Cello mit warmen, vollmundigen Melodielinien, die Violine lässt sich zu eigenwillig gefärbten Single Notes hinreißen. Spannende und schöne Musik. Im Rhythmus der Zugvögel verbringen die australischen „Raben“ den europäischen Winter in ihrer Heimat, arbeiten in Melbourne an neuen Liedern und Alben, um diese dann im Sommer in Europa vorzustellen.

Vielleicht liegt darin das Geheimnis der geradezu traumwandlerischen Sicherheit, mit der diese Musiker in den Konzerten eine elektrisierende Atmosphäre herstellen, die an sternenklare Sommernächte erinnert.

 
Atmosphäre mit Mehrwert
Naked Raven überzeugte im Kasseler Kulturzelt mit stimmungsvoller Musik für Kenner und Genuss-Hörer

PDF-DownloadPDF-Download: HNA-Kritik

Ein kluger Kopf hat einmal das Geheimnis guter populärer Musik auf den Punkt gebracht: Sie ist mehrschichtig. Man kann ihr in einer Analyse auf auf die Schliche kommen oder man genießt sie einfach. Mit diesem Geheimnis verzauberte die australische Band Naked Raven bei ihrem mittlerweile dritten Kulturzelt-Auftritt die zahlreichen Zuhörer. Die Feingeister des Pop, wie sie an dieser Stelle vor zwei Jahren genannt wurden, schlugen wieder dezent zu.

Der Mix aus Pop, Folk und Kammermusik nimmt zunächst durch seine Atmosphäre ein. Es handelt sich größtenteils um Musik zum Träumen, um Klänge fürs Kopfkino, um einen Auslöser elegischer Stimmungen. Hinzu kommen versteckte Kunstkniffe als ästhetischer Mehrwert. Gegen Ende des Songs “Brave” von der CD “Holding Our Breath” gibt es etwa eine Schichtung zweier Gesangslinien nebst einer Violin-Gegenstimme. Wer dabei in die abwegige Versuchung gerät, die Taktschläge mitzuzählen, muss bis fünf zählen, da der Song noch dazu in einem ungeraden Metrum steht.

Die Band stellte auch Songs ihres neuen, exzellent produzierten Albums “Never Quite” vor. Hitverdächtiges ist der Sängerin und Songwriterin Janine Maunder vor allem bei dem locker groovenden “Here With You” gelungen. Präsentiert wurden die Lieder von Naked Raven - Janine Maunder (Leadgesang, Piano), Stephanie Lindner (Violine) und James Richmond (Percussion) - und ihren Mitmusikern Anne-Christin Schwarz (Cello), Arne Jansen (Gitarre) und dem singenden Überraschungsgast Rod Davies mit der Gewandtheit eines perfekt eingespielten Teams.

Höchst angenehm war, dass die taub machende Pop-Devise “Musik nur, wenn sie laut ist” nicht galt. Und eine besondere Klasse hatten erneut die Percussionskünste von James Richmond: Wie viele Musiker können aus einer simplen Begleitung auf der Djembé-Trommel ein Wunder an Eleganz machen?

Von Georg Pepl / HNA

7. Juli: Jocelyn B. Smith (USA/D)

Jocelyn B. Smithzur Pressekritik

Jocelyn B. Smith ist ein Phänomen. In der Sparte der klassischen Musik ist sie international mit Symphonieorchestern zu hören, bevorzugt in dem Werk des zeitgenössischen Komponisten Heiner Goebbels „Surrogate Cities“. Ihr sensibles Musikverständnis befähigt sie zu Interpretationen jenseits der Genres: In einer Hommage an Mikis Theodorakis „Margarita“ übersetzt sie dessen traditionelle Lieder in die englische Sprache. Für „Blue Nights & Nylons” beraumt sie ein fiktives Treffen von Weill und Gershwin ein. Dafür wurde Jocelyn mit dem Jazz Award und dem IFPI geehrt. Mit „Back to Soul” und “Phenomenal Women” lässt sie uns an den Ursprung ihrer musikalischen Seele zurückkehren: zum Soul.

Beginn: 19.30 Uhr,
VVK: 16 Euro & 1,50 Euro Vorverkaufsgebühr, Abendkasse:18 Euro

Die in New York geborene und nun in ihrer Wahlheimat Berlin lebende Sängerin findet die Schönheit der Welt im Reichtum ihrer Facetten: „Ich verstehe zwar die Bemühung, Dinge vereinfachen zu wollen, indem man sie in Kategorien ordnet, allerdings findet dabei immer ein Verlust statt.“

Mit „Expressionzz“, ihrem neuen Programm, führt sie Elemente aus Poetic-Jazz, Soul, Gospel, Funk und Klassik zusammen. Gespickt mit den Impressionen orientalischer Begegnungen lädt sie auf eine Reise ein, die einen wachen Geist und verblüffende stilistische Stilwendungen im Gepäck hat. Einmal mehr beweist diese Frau, dass sie einen musikalisch uneingeschränkt offenen Horizont hat.

„Expressionzz“ ist ein Live-Projekt. Man kann es in live-und-echt-und-Farbe erleben und nicht als Album kaufen. Die Texte hat Jocelyn B. Smith zum großen Teil selbst geschrieben, die Arrangements entstanden gemeinsam mit den langjährigen musikalischen Weggefährten Volker Schlott. Sie nennen ihre Reflektionen und Beobachtung all jener Dinge, die ihnen in diesem großen Kosmos begegnen, Mystic-Jazz. Gregorianische Hymnen des 5. Jahrhunderts und die Psalmen Davids finden hier Raum. Musik und ihre Traditionen speisen sich aus vielen Quellen, und kaum eine Sängerin kann diese so lyrisch und klar erkunden wie Jocelyn B. Smith.

Jocelyn B. Smith, vocal, piano; Henning Schmiedt, piano, keyboards; Volker Schlott, sax., flute; Eric St. Laurent, E & A guitar; H.D. Lorenz, bass, contrabass; Thomas Alkier,drums.

Mit freundlicher Unterstützung der Wintershall AG

 
Charisma und religiöse Innigkeit
Die Wahlberlinerin Jocelyn B. Smith begeisterte einmal mehr die Besucher im ausverkauften Kulturzelt

PDF-DownloadPDF-Download: HNA-Kritik

Ihre Vielseitigkeit hat Jocelyn B. Smith den Ruf eingebracht, ein Phänomen zu sein. Am Freitagabend gastierte die in New York geborene Künstlerin mit Berliner Wohnsitz im ausverkauften Kulturzelt mit ihrem aktuellen Programm “Expressionzz”. Mit außergewöhnlicher musikalischer Sensibilität und wunderschöner Stimme verschmilzt sie Elemente aus Poetic-Jazz, Soul, Funk und Gospel zu einem musikalischen Gesamtkunstwerk. Dass es ihr derzeit besonders der Gospel angetan hat, konnten die Zuhörer miterleben.

“Be blessed”, rief ihr jemand zu. Die Künstlerin hielt inne, strahlte, als habe man sie gerade für einen Grammy vorgeschlagen, und gab den Segen zurück.

Es war ein Segen, diese grandiose Künstlerin mit ihrer wunderbaren und facettenreichen Stimme zu erleben. Gesangstechnisch bewegt sie sich auf allerhöchstem Niveau, führt ihre Stimme mit unglaublicher Präzision, gleitet mühelos aus den tiefen Bereichen in die Höhe und tauscht ihre Stimmfarben und Temperamente mit spielerischer Leichtigkeit. Das aber ist es nicht allein, was ihr den Glanz verleiht. Es ist auch ihr Charisma.

Jocelyn B. Smith besitzt diese Gnadengabe, sich mit ihrer Stimme in einer grandiosen Weise mitteilen zu können.

“I praise him in the morning and in the evening”, singt sie, betet mit glockenklarer Intonation einen Bibel-psalm, fordert die Besucher auf, sich zu erheben, und verabschiedet sich vom begeisterten Publikum mit einem lang gezogenen “Hallelujah!”

Aber nicht nur Gospelfreunde dürften begeistert gewesen sein. Auch die Art, wie sie mit langsamen Tanzbewegungen ihre Musik verkörpert, wie schnell sie die Distanz zwischen Bühne und Publikum überwindet, und wie hell es auf der Bühne wird, wenn sie singt, auch das beeindruckte nachhaltig.

Von Steve Kuberczyk-Stein / HNA

6. Juli: Bajafondo Tango Club (ARG/U)

Bajafondo Tango Clubzur Pressekritik

Gustavo Santaolalla, der vielfache Grammie-Gewinner, erhielt für seine innovative Musik jüngst den Oscar 2006 in der Kategorie „Best Soundtrack“ für die epische Filmusik zum Blockbuster „Brokeback Mountain“.

Beginn: 19.30 Uhr,
VVK: 14 Euro & 1,50 Euro Vorverkaufsgebühr, Abendkasse:16 Euro

Der Bajafondo Tango Club weiß, wo die Reise jenseits von klassischem Tango und Piazzolla-Adaptionen hingehen kann. Ihr dekonstruierter Tango mischt sich mit DJ-Sounds, Loops, Samples, Elektrobeats und Videoprojektionen. Bajafondo übersetzt das Ideom des strengen und schwermütigen Tangogefühls in die Sprache des Nu-Jazz. Luciano Supervielle, tragende Säule des Projektes, schöpft dabei aus einem gigantischen Ideenreservoire.

Geboren in Frankreich hat er sich nach langen Jahren in Mexico schließlich in Uruguay niedergelassen. In Paris entstand eine wichtige Tango-Szene, als während der Militärjunta in Argentinien viele Musiker in die liberalen europäischen Metropolen emigrierten. Kosmopolitisch, romantisches mit minimalistischem Tango-Material kreuzend, dringen Supervielle und seine Kollegen zur Essenz des Tangos zurück: zur Subkultur, zu den Kaschemmen und den Bordells am Rio de Plata, in denen der Tango vor gut 100 Jahren entstand.

Supervielle spürte den Ursprüngen des Tangos nach, entdeckte die Milonga und die Folklore-Rhythmen des Tango von Osteuropa bis zu den perkussiven afrikanischen Elementen. Dieses Projekt löst sich von scheinbaren Widersprüchen: Computerbeats und Dubs, die Abstraktionsmöglichkeiten elektronischer Musik, faszinieren hippe Avantgardisten und eingefleischte Tango-Fans gleichermaßen.

Das Debüt-Album „Bajafondo Tango Club“ wurde gleich mit einem Grammy und einem Gardel-Award geehrt. Die Musiker des Clubs zählen in Lateinamerika durch viele Kooperationen wie z.B. mit den uruguayischem Superstar Jorge Drexler und der Band Plátano Macho zur ersten Riege der jungen Avantgarde.Gustavo Santaolalla ist der Produzent und spielt die Gitarre, Juan Campodónico agiert als DJ des Clubs; Luciano Supervielle zeichnet für viele Kompositionen und ist live für die keyboards und als DJ für das scratching verantwortlich, die Violine wird von Javier Casalla gespielt, das Bandoneon von Martin Ferres, am Kontrabass Gabriel Casacuberta und Veronica Loza steuert den Gesang bei.

Mit ihren elektroakustischen Pretiziosen und virtuoser Musikalität katapultiert der Bajafondo Tango Club die Musik der Revolution geradewegs in das 21. Jahrhundert.

 
Die Tango-Freibeuter vom Rio de la Plata
Im Kasseler Kulturzelt rissen die Herren vom Bajofondo Tango Club die Zuschauer zu Begeisterungsstürmen hin

PDF-DownloadPDF-Download: HNA-Kritik

Sie sind Korsaren vom anderen Ende der Welt. Die Jungs von der argentinisch-uruguayischen Formation Bajofondo Tango Club, die am Donnerstag im Kasseler Kulturzelt auftraten, sind echte musikalische Freibeuter. Sie kapern Klang-Traditionen, und mit dieser kostbaren Beute - vermischt mit eigenen musikalischen Ideen - bestücken sie ihre Schatztruhe. Beim umjubelten Konzert im nicht ganz gefüllten Zelt wurde das Pretiosenkästlein den begeisterten Zuschauern geöffnet. Keine Frage, dass die Herren um Gustavo Santaolalla und Luciano Supervielle mit ihren Kopftüchern, muskelbepackten Oberarmen und wilden Bärten auch aussehen wie anarchische Helden vom Rio de la Plata.

Mit einem Walzer auf der folkloristischen Strohgeige (sieht aus, als hätte man an eine Violine den Trichter eines alten Grammophons geschraubt) eröffnete Javier Casalla den Abend - und schickte damit einen Gruß aus Europas Musikgeschichte ins Zelt. Dann wurde es südamerikanisch. Aus einem erst kaum merklichen Knistern, wie von einer alten Schellackplatte, kristallisierte sich langsam, ganz langsam ein Tango-Rhythmus heraus. Eine Zeitreise in die Tangokaschemmen im Buenos Aires einer längst versunkenen Epoche. Doch Bajofondo Tango Club schrauben die Funzeln aus dem Kronleuchter im Ballsaal und ersetzen sie durch gleißende Neonröhren. Hier bleibt kaum noch Schummriges, der Tango ist ent-melancholisiert. Der Traditionstanz ist die Wurzel von Bajofondo Tango Club, aus ihr nährt sich die Band. Doch bleibt oft nicht mehr als ein scharf akzentuierter Rhythmus vom Tango übrig, über dem sich Samples, Geigenmotive, Bassläufe, Banoneonläufe und Gitarrenklänge entfalten. Manchmal klingt das, als ob Osteuropäer eine Geigen-Taskforce nach Montevideo entsandt hätten.

Manchmal, wenn gescratcht und aus dem Off dazu eine Rap-Sequenz eingespielt wird, sind wir beim Sound der Straße. Romantische, leise Momente gab es auch, schwerblütige Balladen. Aber das Ausgelassene überwog - und das ist es auch, was die Besucher mitreißt, die am Ende fröhlich auf der Bühne mittanzten.

Von Bettina Fraschke / HNA

5. Juli: Brad Mehldau Trio (USA)

Brad Mehldau Triozur Pressekritik

Brad Mehldau gehört wohl zu den innovativsten Jazzpianisten unserer Zeit. Seine Kompositionen sind von Franz Schubert genauso wie von Oscar Peterson und Keith Jarrett – aber auch von John Coltrane und Miles Davis beeinflusst. Doch auch so jazzferne Musik wie jene von Radiohead oder den Beatles findet Platz im musikalischen Universum dieses außerordentlichen Musikers mit ebenso offenem Geist wie Ohren.

Beginn: 19.30 Uhr,
VVK: 16 Euro & 1,50 Euro Vorverkaufsgebühr, Abendkasse: 18 Euro

Nach dem Studium am Berklee College of Music wurde Mehldau den europäischen Publikum durch die Kooperationen mit Joshua Redman und Chris McBride bekannt. 1995 gründete er sein eigenes Trio und heimst seither Preise und Ehrungen ein. Acht Alben hat er seither veröffentlicht – alle heiß verehrt.

Der 35-jährige ist ein selbstbewusster Rebell auf solidem Grund. Wer seine Variationen über eigene Kompositionen oder Standards der Jazz- und Rockgeschichte im Konzert erlebt, genießt jene Trance, die schon im 19. Jahrhundert inmitten des großbürgerlichen Ambientes dem Klaviervirtuosen jenes wohlige antibürgerliche Ekstase-Feeling verlieh. Brad Mehldau komprimiert den weiten Atem seines Spieles, allein „Paranoid Android“, eine Komposition von Radiohead, erfüllt mit gerade einmal neun Minuten epischen Anspruch. Da trifft sich Meldaus später Romantizismus mit den Harmonien und Melodien der Popwelt, die er via Jazz in den Olymp der klassischen Musik des 21. Jahrhunderts hebt.

Da gibt es synthetisches Fiepsen, dröhnen gar Gitarren in Black Sabbath-Manier – was sich allerdings als verfremdetes Klavier entpuppt. Mit präparierten Klaviersaiten schafft er einen perkussiven Klang, das Poetische bekommt eine gewaltige Schieflage. Jeff Ballard an den Drums treibt mit metallfarbener Präzision nach vorn, mit Larry Grenadier am Bass wird der Begriff des Trio-Jazzes neu buchstabiert. Die Musiker improvisieren nahtlos inspiriert, sie können gar nicht aufhören, brilliant zu sein. Dabei ist jedes Stück von Burt Bacharach bis Nick Drake ein für sich einzigartiges Unternehmen, charakteristisch und aufregend. Und ein sinnlicher Genuss im Konzert.

 
Verästelte Melodien
Jazzpianist Brad Mehldau im Kasseler Kulturzelt

PDF-DownloadPDF-Download: HNA-Kritik

Diesem Auftritt haben viele aktive Jazzmusiker der Region entgegengefiebert, gilt der amerikanische Jazzpianist Brad Mehldau doch als stilbildend und sein klassisches, mit Bass und Schlagzeug besetztes Trio als eine Formation, der keine Grenzen gesetzt sind.

Gleich der erste ausgedehnte Titel “Granada” verdeutlicht aufs Souveränste das Thema–Variationen-Prinzip Mehldaus: Die Musik schaltet sich in immer neue Stimmungen weiter, wechselt vom kompakten Trio-Sound zu Latin und Afro-Einflüssen.

Entscheidend für dieses Spiel mit verschiedenen Ebenen sind der fantastische Schlagzeuger Jeff Ballard und Larry Grenadier am Kontrabass, der höchst eigenständig agiert. Nicht von ungefähr zählt Brad Mehldau Johannes Sebastian Bach und Thelonius Monk, diese beiden Eckpfeiler des klassischen und Jazz-Lagers, zu seinen Vorbildern.

Ein Höhepunkt des Konzerts bietet Brad Mehldaus erstes Klaviersolo mit seinen oft im Selbstdialog geführten Doppellinien, schnellen Repetitionen und einer Tonalität, die in ihrer archaischen Kraft ebenso an Bartok wie an Jazz erinnert. Bei den Anleihen aktueller Strömungen kombiniert Jeff Ballard in faszinierender Weise schnellste Becken-Rides mit fast schleppenden Beats, über einem vollmundigen Bass entwickeln sich dazu kühl abstrakte Klanggebäude mit schnellen Skalenimprovisationen.

Gefälliger zeigt sich das Trio bei den Adaptionen bekannter Songs. “She’s leaving Home” erscheint als elegant swingender Jazz-Waltz, um sich immer mehr vom Thema abstrahierend zu verästeln und nach langen Variationsausflügen wieder zur Melodie zurückzukehren. Der im Trend liegende “Pop goes Jazz”-Ansatz findet hier nicht nur zur Vollendung, sondern beweist nebenbei, dass die einst von Jazzern gern belächelte Popmusik Standards von zeitloser Qualität hervorgebracht hat. Ein facettenreiches, begeistert aufgenommenes Konzert in Kassel, auf gewohnt hohem Kulturzelt-Niveau.

Zum Nachhören sei die CD “Day is Done” empfohlen, von der fast alle beim Konzert gespielten Titel stammten. Für Hörer, die weiter in den Mehldau-Kosmos eindringen möchten, die ganz aktuelle CD “House on Hill”.

Von Hartmut Schmidt / HNA

1. & 2. Juli: Lizz Wright (USA)

Lizz Wrightzur Pressekritik

Lizz Wright ist der neue Star der amerikanischen Jazzszene. Ihr Debutalbum “Salt” (2003) bescherte der jungen Sängerin viele Preise und eine Grammy-Nominierung. Die Arrangements künden von einem großen Talent als Sängerin und Songwriterin. Entdeckt wurde die junge afro-amerikanische Vocalistin, nachdem sie in Chicago und Los Angeles zu Ehren von Billie Holiday auftrat. Danach lag ihr die US-Presse zu Füßen und gleich mehrere Musik-Konzerne wetteiferten um ihre Unterschrift. „What a difference a day makes“.

Beginn: 19.30 Uhr,
VVK: 16 Euro & 1,50 Euro Vorverkaufsgebühr, Abendkasse: 18 Euro

Ihr neues Album “Dreaming Wide Awake” wird als beste Singer/Songwriter-Veröffentlichung des Jahres gehandelt. Ihre gefühlsprallen Balladen agieren geschickt zwischen den Grenzen von relaxtem Jazz und Gospel, nachtblauem Soul und R & B. Sie verfügt für ihre jungen Jahre über ein außergewöhnlich reiches Timbre und versteht es, wie alle großen Jazz-Sängerinnen, den Liedern eine ureigene Authentizität einzuhauchen. Lizz Wright schichtet Texturen, die wunderbar transparent sind und schafft Atmosphären, die an Intimität kaum zu überbieten sind. Eine Stimme wie Samt und Seide, die unter die Haut kriecht in ihrer unglaublichen Klarheit und unkomplizierten Eleganz.

“Natürlich wollte ich einen Schritt nach vorne unternehmen. Aber ich habe auch festgestellt, dass ich in meinem tiefsten Inneren … ein Faible für Schlichtheit habe und eine sehr sanfte Person bin.”

Schöne Arrangements, dezent, mit viel Gitarre und Percussion, werfen neue Farben auf Stücke, die durch Künstler wie Neil Young, Frank Sinatra oder Madonna bekannt geworden sind. Lizz Wrights wunderschöne, dunkelsahnige Stimme taucht in die Lieder ein wie in Kakao: geschmeidig, intim, mühelos.

Dreaming Wide Awake hat wenig Jazzelemente, ist aber reich an erdig-warmem Flair aus Gospel, Soul und Spiritual, einer tiefen Ursprünglichkeit, die schon auf Lizz Wrights Debutalbum Salt so sehr beeindruckte.

Und einen Flügelschlag später, in den Konzerten der Sängerin entsteht eine Konzentration, die aus dem Gesang und der Interpretation dieser reifen, Würde verströmenden Stimme rührt, die man einer 25-Jährigen so kaum zutrauen würde. Ihre unnachahmliche Stimme pendelt zwischen innigstem Seelengefühl und unbekümmerter Frische, man staunt über eine solche klangliche Vielschichtigkeit und verneigt sich vor der musikalischen Leistung dieses Talentes. Kein geringerer als Spike Lee hat in Lizz Wrights Videoclip „Open your eyes, you can fly“ Regie geführt. Lizz Wright steht eine große Zukunft bevor und mit etwas Glück und Gerechtigkeit hören wir schon in diesem Sommer eine zukünftige Grammy-Königin.

Lizz Wright, vocal; Marwin Sewell, guitar; Edward Wright, guitar; Gregg Fine, drums; Massimo Bialcoti, bass.

Bitte beachten Sie, dass wir am 2. Juli die Hälfte der Plätze für die Förderer des Kulturzeltes reservieren und sichern Sie sich rechtzeitig Ihre Eintrittskarte.

Mit freundlicher Unterstützung der Wintershall AG

 
Honig, der bleibt
Die brillante Jazzsängerin Lizz Wright sang am Samstag zur Eröffnung des Kasseler Kulturzelts

PDF-DownloadPDF-Download: HNA-Kritik

Wo nimmt sie nur die Töne her? Tief und erdig kommt es aus ihrem schlanken Körper - eine Bandbreite, für die sie eigentlich mindestens 20 Kilo mehr wiegen müsste. Trotzdem bringt die Jazzsängerin Lizz Wright zum Auftakt am Samstag das Kulturzelt in Kassel zum Vibrieren - mit Frequenzen, die gar nicht da sein dürften.

Lizz Wright müsste eigentlich nicht nur 20 Kilo mehr wiegen, sie müsste auch mindestens 20 Jahre älter sein. Lebenserfahrung und Reife strafen ihren schönen, 25-jährigen Körper Lügen. Etwa wenn sie mit Soulstimme vom Geschmack des Honigs erzählt, der nach einer zerbrochenen Liebe auf den Lippen bleibt, oder von dem Gefühl, bleiben zu müssen, obwohl der andere längst gegangen ist. Recht hat sie, wenn sie singt: “Alter Mann, ich bin wie du - schau in meine Augen, und du weißt, dass es wahr ist.”

Bei aller Reife - keine prätentiös-intellektuellen Jazz-Weisheiten gibt sie zum Besten. Wrights Musik passiert hier und jetzt. Unterstützt von einer fabelhaften Band, deren Gitarrist wohl nicht von ungefähr auch den Namen Wright trägt. Nur selten ist es ihm und seinen Kollegen, dem ebenso brillanten Gitarristen Marwin Sewell und dem Bassisten Massimo Bialcotti, vergönnt, sich aus dem Ensemble zu schälen, um ein paar Sekündchen zu improvisieren. Dazu ist die Zeit zu knapp. Sie reicht gerade, um dem Publikum die überragenden Fähigkeiten des Schlagzeugers Gregg Fine zu demonstrieren.

Ach was, Schlagzeuger, Fine ist ein ausgewachsener Trommler. Massig und stiernackig sitzt er hinter seinen Trommeln und Becken, Sticks braucht er nicht. Mit seinen tellergroßen Pranken - und hier sind keine Vorspeisenteller gemeint - trommelt er barhändig auf die Bongos ein. Ruckartig zuckt der Kopf, von seinen Augen sieht man nur noch das Weiße - Voodoo!

Zur vollen Meisterschaft kommt es aber, wenn Fine das peruanische Cajon, eine Art Holzkiste, sitzend bearbeitet. Großartig.

Noch ganz benommen von den Trommelrhythmen bekommt kaum jemand mit, dass sich Lizz Wright schon höflich verabschiedet hat. Und wie der Honig auf den Lippen bleibt dem begeisterten Publikum nach eineinhalb Stunden noch ein bisschen von Wrights Raunen im Ohr. Ein Jahr muss es halten. Dann kommt sie wieder. Das hat sie versprochen.

Von Johannes Gerstner / HNA