Archiv für die Kategorie „Kulturzelt 2008“

Freitag, 20. Juni & Samstag, 21. Juni: Malia (F/ GB)

Malia (Quelle: Bremme-Hohensee)
Malia (Quelle: Bremme-Hohensee)

Die Zeitung “Le Parisien” feierte Malia als “fast zu schön, um wahr zu sein” - und hat damit vollkommen Recht.Die zwischen Pop, Soul, Jazz, Blues und Gospel angesiedelten Stücke singt Malia mit einer stimmlichen Spannbreite zwischen Sade, Ella Fitzgerald, Sarah Vaughn, Nina Simone und Billie Holiday nicht als Kopie, sondern als Essenz deren Schaffens, mit einer ureigenen Note, die von ihrem Produzenten André Manoukian folgendermaßen beschrieben wird: “Sie hat etwas Zerbrechliches in ihrer Stimme, eine gewisse Zurückhaltung und Unschuld. Das ist weit mehr als reine Technik. Einerseits geht sie die Melodie direkt an und hält sich an sie, andererseits drückt sie trotzdem den Songs ihren ganz eigenen Stempel auf.”

Heute singt Malia schon mal per Sampletechnik mit der Jazzgöttin Billie Holyday im Duett, und anders als Robbie Williams, der sich unlängst an Sinatra verhob, hält die malawische Engländerin, die in Frankreich lebt, den Vergleich ohne Imageschaden aus. Malia pflegt einen am Cooljazz orientierten Gesangsstil, der Emotionen zart andeutet, aber nie lauthals ausbrechen lässt. Mit dem samtigen Timbre ihrer Stimme und dem angedeuteten Vibrato deckt sie gleichwohl das ganze Gefühlsspektrum ab. Und für die Modernität ihrer Musik sorgen gepflegte Sounds’n’ Beats aus der Twilight Zone zwischen Jazz und Clubsoul, geschaffen von ihrem Mentor André Manoukian. Und was für eine charismatische Allround-Sängerin Malia ist, zeigt sie auch in Songs wie dem erdigen R&B-Song “Black Bird With No Wing”. Nicht umsonst schrieb die Frankfurter Allgemeine Zeitung über sie: “Malias Musik entfaltet ihren Zauber nach und nach, bis alles schließlich berückend schön im Raum steht.”

Nach ihrem Debüt-Album „Yellow Daffodils“ (2002), und dem Nachfolger „Echoes of Dreams” (2004) hat Malia jetzt ihr drittes Album eingespielt. „Young Bones“ entstand erneut in Zusammenarbeit mit dem französischen Produzenten André Manoukian, der diesmal die Songs komponierte, während Malia die Texte beisteuerte. Und wenn Malia ihre stilistische Bandbreite von Jazz, Pop, Soul, Blues und Bossa-Nova unter Beweis stellt, erweist sie damit auch ihren großen Vorbildern ihre ganz eigene, zeitgenössische Referenz. Gleich in der Bar-Jazz-Ballade „Mr. Candy“ steckt die zerbrechliche Schönheit und Magie einer Billie Holiday. Der elegant im Midtempo groovende Club-Song „Two Fugitives in the Night“ ist eine Hommage an Nina Simone. Und das leicht vom Bossa-Nova-angehauchte „Plus je t´embrasse“ erinnert in seinem Charme an den französischen Chanson-Altmeister Henri Salvador.

Sonntag, 22. Juni: Joachim Kròl & Andreas Schnermann feat. Inga Lühning (D)

Krol und Schneermann
Krol und Schneermann

Joachim Kròl, einer der populärsten Charakterdarsteller Deutschlands, hat sich mit tragisch-komischen Rollen in die erste Liga gespielt. Kein Wunder also, dass er sich der herrlich lakonischen Texte des englischen Schriftstellers W.H. Auden (1907-1973) „Tell Me The Truth About Love“ angenommen hat. Texte voller Witz und Weisheit, die das Besondere im Alltäglichen und die kleinen Momente des üblichen Wahnsinns in einer etwas schiefen Welt beleuchten. W.H. Auden, in einem Atemzug mit Yeats und T.S. Eliot genannt, ist einem großen Publikum in Deutschland durch seinen „Funeral Blues“ in „Vier Hochzeiten und ein Todesfall“ bekannt.

Der Pianist Andreas Schnerrmann setzt mit seinem Sextett die sensible Lyrik Audens in fragile Songs um und die Sängerin Inga Lühning irrlichtert in den Texten zwischen somnambuler Schönheit und unsentimentaler Tristesse. Und doch steckt hinter allen Melodien immer die moderne Wucht des Jazz . Die Leichtigkeit der Lieder ist hier ein gewiefter Trick, der tief in die Magie der Gedichte hineinführt. Auden selbst sprang zwischen den Formen, mal politisch, mal romantisch, wie eben auch die freie und assoziative Musikgewalt der Kompositionen Andreas Schnerrmanns. Joachim Kròl wird aus Audens Texten lesen und den romantischen, prononciert optimistischen, musikalischen Part in dieser Abendgesellschaft an die filigrane Inga Lühing reichen.Am Ende ist man vielleicht nicht viel weiter mit der Wahrheit über die Liebe, aber so ganz genau will man diesen Zauber wohl auch nicht ergründen…

Joachim Kròl (Lesung); Inga Lühning (voc.); Andreas Schnerrmann (piano); Matthias Bergmann (Flügelhorn); Paul Heller (sax & claninets); Kai Brückner (guit., dobro); Dietmar Fuhr (bass); Sebastian Merk (drums).

Dienstag, 24. Juni: Freshly Ground

Freshly Ground
Freshly Ground

Ihr Ziel tragen sie im Namen: „Freshly Ground“ wollen möglichst viel musikalisches Neuland erschließen. Die Band aus Mosambique, Zimbabwe und Südafrika macht sich ein Vergnügen daraus, diverse südafrikanische Traditionen zu bündeln und mit einem modernen Pop-Anstrich zu versehen. Zusammengehalten wird ihr Sound durch die markante Stimme von Zolani Mahola, die auf Englisch und in der Zulu-Sprache Xhosa singt, in ihren Instrumentenkoffern finden sich neben allerhand Percussion-Besteck sowohl Geigen wie auch das Daumenklavier Mbira aus Simbabwe. Von der Musikpresse ihres Landes wurden sie bereits zur „Zukunft der südafrikanischen Musik“ erklärt. Der Song „Doo Be Doo“ und das Titelstück “Nomvula” avancierten bald zu echten Rennern, die von den Radiostationen in Südafrika rauf und runter gespielt werden. Bei den SAMA-Awards, Sprungbrett für viele afrikanische Musiker, sind sie in allen sieben Kategorien nomminiert und MTV Europe verlieh der Band den „Best African Act“ Award.

Freshlyground, eine siebenköpfige gutgelaunte Popformation aus Südafrika, Mosambique und Zimbabwe, die mit virtuoser Musikalität und Gespür für gute Songs die Bühne erobert. Sie beherrschen die hohe Kunst, mit einer harmonischen Mischung aus typisch folkloristischen und allgemeinverständlichen Elementen kulturübergreifend einen gemeinsamen Nenner zu finden, der nicht die einzelnen Einflussfaktoren verwässert, sondern eine neue in sich stimmige Quaität entstehen lässt. Damit sind sie die Botschafter des neuen (Süd)afrika und machen sich auf, einen weltweiten Siegeszug anzutreten. In ihrer Heimat hat ihr Album bereits die fünfmalige Platin-Grenze überschritten und steht seit über 48 Wochen pausenlos in den Top 10 der Albumcharts. Bei der diesjährigen MIDEM-Messe war der Südafrikstand einer der populärsten von allen. Warum? Weil dort die erste Single “Doo Be Doo” aus den Lautsprechern ertönte. Mit dieser Visitenkarte präsentieren Freshlyground ihre größte Stärke: Mit Charme vorgetragene indigene afrikanische Musik gepaart mit zeitgenössischen urban Styles.

Donnerstag, 26. Juni: Panteón Rococó (Mex)

PANTEON ROCOCO (Quelle: www.rockybeachclub.com)
PANTEON ROCOCO (Quelle: www.rockybeachclub.com)

Mexico City ist ein Moloch, den Politiker dort gern einmal die „Stadt der Hoffnung“ taufen. Wohl eher ist es eine Endstation für die meisten der 18 Millionen Einwohner. Ein Sumpf aus Armut, Gewalt und Korruption. Das hier keine Band entsteht, die von Promotion- und Marketingleuten erfunden wird, liegt auf der Hand. Pantéon Rococó ist ein Phänomen. Ohne Label verkauften sie auf ihrem ersten Europa Trip Tausende von CDs. Inzwischen sind ihre Konzertreisen in der Regel komplett ausgebucht. In Mexiko hat sich die 12köpfige Latin Ska Band ganz in den ersten Rang gespielt. Ihre Version des Bobby Hebb Klassikers „Sunny“ von Panteón in „Sonia“ umbenannte, führte noch vor Metallica wochenlang die mexicanischen Charts an.

Ein unverhoffter Erfolg, der fast verwundert, bedenkt man ihre sehr ernste und ambitionierte Unterstützung der Zapatisten Bewegung und der Chiapas Gebiete. Aber vor allem auf der Bühne entwickeln Panteón Rococó ihre unschlagbare Macht. Der treibende Musikstil liegt zwischen Ska, Reaggae und Punkrock. Dazu kommt jeder auch nur erdenkliche südamerikanische Stil und Rhythmus: Rumba, Tango, Merengue, Mariachi fließen in ein grenzenloses Spektakel ein. „Trés Veces Tréz“ (Drei mal Drei), ihr jüngstes Album, wurde von den Radiostationen Mexicos boykottiert.

Panteón Rococó nehmen kein Blatt vor den Mund, sie singen von Korruption und Gewalt und das wollte nicht jeder hören. Mit Wut und Sarkasmus packen sie den Ärger über Ungerechtigkeit, Missstände, Armut in ihre Texte und schleudern ihn mit packenden Rhythmen, und enormer Energie in den Raum. Die stilistischen Vielseitigkeit ihrer Titel ist gerade für Lateinamerikanische Ska- Bands typisch und zeigt, wie viel tiefer man hier mit den Wurzeln der eigenen Musiktraditionen verbunden ist und wie viel ehrlicher mit Folklore umgegangen wird. Zwischen ruhigen, teilweise fast romantischen Parts und lautem, agressiven Ska entwickeln sich Spannungen, die schließlich in schnellen Tempi ihr Finale finden. Auch Reggae, rockige Riffs, Hardcore-Rhythmen und Punk finden Einzug in die Musik der elfköpfigen Band. Hervorragende Instrumentalisten und Sänger sind sie ohnehin.

Freitag, 27. Juni: Jan Josef Liefers & Oblivion (D)

Jan Josef Liefers (photo credit: Gregor Torz)
Jan Josef Liefers (photo credit: Gregor Torz)

Jan Josef Liefers hatte mit Rossini – oder die mörderische Frage, wer mit wem schlief 1996 den Durchbruch. Für die Rolle des Bodo Kriegnitz erhielt Liefers den Bayerischen Filmpreis als bester Nachwuchsschauspieler. Inzwischen zählt Liefers zur ersten Garde deutscher Filmschauspieler. Seit 2002 steht er zweimal im Jahr als liebenswert skurriler Professor Karl-Friedrich Boerne für den WDR-Tatort in Münster gemeinsam mit Axel Prahl vor der Kamera.

Jan Josef Liefers ist ein Multitalent und auch musikalisch sehr bewandert Mit seiner Band Oblivion spielt der in Dresden geborene Künstler die Musik, die ihn durch die verschiedenen Phasen seiner Kindheit und Jugend begleitet, beeindruckt und geprägt hat. Dieses Programm entstand anlässlich der Ruhr Trienale. „Century Of Song“ stellt alljährlich namhafte Künstler wie Rickie Lee Jones, Elvis Costello und Laurie Anderson vor, die in dieser Reihe Musik spielen, die sie in ihrem Leben beeinflusst hat.

„Wenn ich Musik mache, bin ich Musiker, nicht Schauspieler“, sagt der 1964 in Dresden geborene Schauspieler, Regisseur und Sprecher Jan Josef Liefers, der immer noch ausreichend Zeit findet, eigene Texte für seine Lieder zu schreiben. Zwischen den Songs erzählte er von seinem Leben im Osten, plaudert über die Hintergründe der ehemaligen DDR-Heroen und ihrer Lieder und setzte sie unmittelbar in Beziehung zu den jeweiligen Stationen und Ereignissen seiner Kindheit und Jugend. Dabei sind es nicht einmal die über die Grenzen der DDR bekannten Hits, die Liefers singt, sondern eher weniger populäre, von der Zensur verbotene Stücke. Und natürlich all die Lieder über Liebe, Freiheit und Sehnsucht mit den unterhaltsamen und sehr persönlich gehaltenen Einblicken in das Leben eines jungen Menschen im Osten mit all seinen Widersprüchen.

Die Pop-Musiker der DDR entwickelte eine Art Code-Sprache, die Texte sind oft voller Anspielungen und Mehrdeutigkeiten. Die Übung des Umschreibens, das Erfinden sprachlicher Bilder wird auch heute als sehr poetisch empfunden. Den Soundtrack meiner Kindheit im Osten stellt Liefers mit seiner Band auf den Prüfstand der deutschen Gegenwart. Er singt Lieder von Karat, den Puhdys und Renft, und auch „westliche“ Klassiker von Jimi Hendrix und den Rolling Stones in eigenen höchst vergnüglich rockenden Interpretationen.

Jan Josef Liefers (vocal); Timon Fenner (drums); Christian Hon Adameit (bass); Gunter Papperitz (keyboards); Jens Nickel (guitar); Johann Weiß (guitar)

Samstag, 28. Juni: Quadro Nuevo (D)

Quadro Nuevo (Quelle: www.quadronuevo.de)
Quadro Nuevo (Quelle: www.quadronuevo.de)

Seit ihrem Debüt im Jahre 2000 hat Quadro Nuevo stets seine Affinität zum Tango demonstriert, aber zugleich immer wieder Offenheit für andere Schubladen bewiesen. Mit Saxophon oder Klarinette, Gitarre, Bass, Accordeon und Percussion interpretieren die vier Musiker alte italienische Canzones, Tangos und Klassiker der zwanziger Jahre. Mal klingt es nach dem Swing eines Django Reinhardt, dann wieder fühlt man sich nach Marseille in ein Café versetzt und lauscht einer Musette. Hier und da könnte man auch eine Jamsession mit einer reduzierten Banda vermuten.

Ein zackig-strenger Tango, eine konzertante Milonga, elegante Clubatmosphäre oder Straßenmusik: Das Quartett schafft eine ebenso inspirierende wie erfrischende Collage von mediterraner Musik, dieTradition und Moderne zwischen westlichen und östlichen Winden souverän zusammenfügt. Dazu gesellt sich wiederholt die Idee des argentinischen Tangos. Der wiederum wird lustvoll durch die orientalische Linse eines Ibrahim Özgür gebrochen. Grazie!

Ausgehend von einem europäisch geprägten Tango bereichert Quadro Nuevo diese Musikrichtung mit Elementen des Flamenco, der Valse Musette, des Balkan-Swing und einer lässigen mediterranen Leichtigkeit. Dazu mischen sich elektrisierende Eigenkompositionen, die vom Vagabundenleben der vier spielsüchtigen Virtuosen erzählen. Selbst 70er Jahre Schlager wie Dalidas „Paroles, Paroles“ oder „L’été indien“ von Joe Dassin erhalten ein ganz neues, persönliches Flair. Das Geheimnis ist Hingabe. Selten hat man erlebt, dass Musik mit so viel Spannung, Verve, fast zärtlicher Liebe zum Instrument und Einfühlungsvermögen in fremde Kulturen interpretiert wird.

Quadro Nuevo spielen in der ersten Liga des europäischen Jazz.. Alle Alben des deutschen Quartetts wurden mit dem Deutschen Jazz Award ausgezeichnet und schafften es in die Top Ten sowohl der Jazz- als auch der Weltmusik-Charts (Platz 1). Bereits dreimal wurden die Musiker mit dem Europäischen Impala geehrt.Ihre Musik könnte man als imaginäre Folklore bezeichnen. Quadro Nuevo reisen zu Konzerttourneen nach Singapur, Korea, Kanada, Australien und quer durch Europa. Das Quartett spielte auf zahlreichen renommierten Festivals wie dem Montreal Jazz Festival, der Internationalen Jazzwoche Burghausen, dem Rheingau Musikfestival, und nach dem Überraschungserfolg des letzten Jahres wieder in Kassel!

Mulo Francel, (sax., klar.); Robert Wolf, (git.); D.D. Lowka; (kontrabass, perc.);
Andreas Hinterseher, (accordeon, vibrandoneon)

Mittwoch, 2. Juli: Brad Mehldau Trio (USA)

Brad Mehldau (Quelle: www.imnworld.com)
Brad Mehldau (Quelle: www.imnworld.com)

Erneuerer des klassischen Jazz-Klaviertrios, emotionstiefer Eklektiker, eigenwilliger Traditionalist und großer Romantiker. Solche Titulierungen muss Brad Mehldau ebenso über sich ergehen lassen wie den wegen biografischer Parallelen stets gezogenen Vergleich mit Bill Evans: hochsensibel, inspiriert, melancholisch, romantisch, von einer inneren Kraft getrieben.

Brad Mehldau gehört wohl zu den innovativsten Jazzpianisten unserer Zeit. Seine Kompositionen sind von Franz Schubert genauso wie von Oscar Peterson und Keith Jarrett – aber auch von John Coltrane und Miles Davis beeinflusst. Doch auch so jazzferne Musik wie jene von Radiohead oder den Beatles findet Platz im musikalischen Universum dieses außerordentlichem Musikers mit ebenso offenem Geist wie Ohren. Nach dem Studium am Berklee College of Music wurde Mehldau den europäischen Publikum durch die Kooperationen mit Joshua Redman und Chris McBride bekannt. 1995 gründete er sein eigenens Trio und heimst seither Preise und Ehrungen ein.

Acht Alben hat er seither veröffentlicht – alle heiss verehrt. Doch seine künstlerische Ausdruckskraft treibt ihn immer wieder zu neuen Ufern. 2006 spielt er gemeinsam mit Pat Metheny das Duo-Album “Metheny Meldau” ein und vertont für die Grammy-ausgezeichnete Sopranistin Renée Fleming Gedichte von Rainer Maria Rilke und Louise Bogan. Der Song-Zyklus erscheint als Duo-Album “Love Sublime” und bewegt sich trittsicher auf dem schmalen Grad zwischen Jazz und Klassik. Sein neuestes Projekt hat Mehldau wieder mit eigenem Trio eingespielt: „House of Hill“. Der 37 Jährige ist ein selbstbewusster Rebell auf solidem Grund. Wer seine Variationen über eigenen Kompositionen oder Standards der Jazz- und Rockgeschichte im Konzert erlebt, genießt jene Trance, die schon im 19. Jahrhundert inmitten des großbürgerlichen Ambientes dem Klaviervirtuosen jenes wohlige antibürgerliche Ekstase-Feeling verlieh.

Brad Mehldau komprimiert den weiten Atem seines Spieles, allein „Paranoid Android“ ,eine Komposition von Radiohead, erfüllt mit gerade einmal neun Minuten epischen Anspruch. Da trifft sich Meldaus später Romantizismus mit den Harmonien und Melodien der Popwelt, die er via Jazz in den Olymp der klassischen Musik des 21. Jahrhunderts hebt. Da gibt es synthetisches Fiepsen, dröhnen gar Gitarren in Black Sabbath Manier – was sich allerdings als verfremdetes Klavier entpuppt. Mit präparierten Klaviersaiten schafft er einen percussiven Klang, das Poetische bekommt eine gewaltige Schieflage. Jeff Ballard an den Drums treibt mit metallfarbener Präzision nach vorn, mit Larry Grenadier am Bass wird der Begriff des Trio-Jazzes neu buchstabiert. Die Musiker improvisieren nahtlos inspiriert, sie können gar nicht aufhören brilliant zu sein. Dabei ist jedes Stück von Burt Bacharach bis Nick Drake ein für sich einzigartiges Unternehmen, charakteristisch und aufregend. Und ein sinnlicher Genuss im Konzert

Donnerstag, 3. Juli: Roy Paci (I)

Roy Paci (photo credit: Rita Antonioli)
Roy Paci (photo credit: Rita Antonioli)

Wer glaubt, dass Trompetenunterricht in der Kindheit automatisch in irgendeiner langweiligen volkstümlichen Blaskapelle enden muss, wird von Roy Paci eines Besseren belehrt. Abgesehen von der sizilianischen Herkunft und der dezidiert politischen Positionierung kann man den 1969 geborenen Musiker wohl als wahren Tausendsassa beschreiben, der meist an mehreren Projekten gleichzeitig arbeitet. Hierzulande nahmen viele den Sizilianer wahr in Manu Chaos Radio-Bemba-Kollektiv. Einmal auf seinen temperamentvollen Trompetenton aufmerksam geworden, bekommt man Lust auf einen ganzen Abend Konzert.

2007 spielt Roy Paci mit der Band Aretuska das Album “SuoNoGlobal” ein. Als Gäste sind unter anderem Erriquez, Sänger und Boss der Band Bandabardò, die römischen Hip Hopper Cor Veleno und sein alter Rezophonic-Kollege Pau vertreten. Mit der ständig wechselnden, bis zu zehn Mann starken Formation Roy Paci & Aretuska (antiker Name der sizilianischen Stadt Syrakus) bläst er zum Angriff gegen eingefahrene Stilvorstellungen. Ska von smart bis ruppig, mit Jazz- und Latin-Flirts.. Mit Aretuska nahm der multiple, multitalentierte Musiker, der nicht nur ins Horn bläst, sondern auch in seinem Straßen-Sizilianisch singt, bislang zwei stilistisch facettenreiche, garantiert partytaugliche Alben auf.

Den Raum, in dem er seine Musik verortet, macht Rosario Paci gleich im ersten Lied deutlich, wenn er als “Italiano a barcelona” dem kulturellen Melting-Pot ein Denkmal setzt - natürlich nicht ohne sprachlich den Bastard zu geben: Völlig selbstverständlich wechselt er zwischen spanischen und italienischen bzw. sizilianischen Zeilen - je nachdem was dem Rhyme am Besten steht. Das ist großes Kino und funktioniert so gut, dass man es erst beim Wörter-Nachschlagen im falschen Lexikon bemerkt. Und damit nicht genug. Etliche Zusammenarbeiten mit diversen Landsleuten, wie etwa Giorgio Conte oder der Band Mau Mau, verschafften dem Umtriebigen neben Erfahrung viele Freunde. Auf die greift er - ähnlich wie sein alter Freund Manu Chao - dann gerne für seine eigenen Projekte zurück. Mit dem Franko-Spanier eint den Italiener mit dem mondänen Mafioso-Outfit zudem eine Art subversiver Popstar-Status.

Freitag, 4. Juli: Triosence / Nils Wülker Group (D)

Triosence (Quelle: www.triosence.de)
Triosence (Quelle: www.triosence.de)

Der Stern nennt sie „die neuen jungen Gesichter des deutschen Jazz - und in der Tat sorgt das Trio um den Pianisten Bernhard Schüler mit Stefan Emig (Schlagzeug) und Matthias Nowak (Bass) seit einigen Jahren zunehmend für Furore in der Fachpresse: „Der neue Meilenstein in Sachen Jazztrio“, „Klangtipp und Exempel für musikalische Dreieinigkeit“, „Ein unter die Haut gehendes Highlight“, „Bei der Musik geht auch im Westen die Sonne auf“ … – so lobt die Fachpresse. Seit dem Bestehen der Band im Jahr 1999 hat Triosence in Deutschland so ziemlich alles abgeräumt, was es an Jazzpreisen zu gewinnen gibt. Nach dem 1. Preis beim Bundeswettbewerb „Jugend jazzt“ folgte der Ostseejazzförderpreis, der Studiopreis des Deutschlandsfunks, der Kulturförderpreis der Stadt Kassel und vieles andere bis hin zur Nominierung zum Preis der Deutschen Schallplattenkritik und den besten Neueinstieg in die Internationalen Jazzcharts in Deutschland. Die “Trio-Essenz“ liegt in der Gleichberechtigung von Klavier, Bass und Schlagzeug; in den Eigenkompositionen von Bernhard Schüler werfen sich die drei die Bälle virtuos zu – Klavierjazz par excellence.

Nils Wülker (Quelle: nilswuelker.com)
Nils Wülker (Quelle: nilswuelker.com)

Mit Till Brönner wird Nils Wülker oft verglichen. Warm und essentiell klar reduziert setzt das neue deutsche Wunderkind seine Trompete ein. Für die FAZ ist er “eine der ganz großen Jazznachwuchshoffnungen”. Das bringt auch die für Entdeckungen zuständigen Macher des Bayerischen Rundfunks auf den Plan. Sie suchen für ihren nächtlichen Spacenight-Kult einen neuen Kick. Den hat Nils Wülker ihrer Sendung verschafft, indem er den Jazz in neue Sphären führt. “Spacelight Vol.10″ geht kompositorisch komplett auf Nils Wülkers Kappe.

Mit “My Game” hat er schon sein drittes Werk realisiert. „Stellar“ nennt dies die „Welt“.Das klingt virtuos und ideenreich, Wülkers Ansatz am Flügelhorn ist perfekt und voller lichter Wärme. Die Kompositionen sind von schnörkelloser Gradlinigkeit und vibrierender Intensität. Trompeter Nils Wülker kann swingend wie Herb Alpert klingen und aggressiv wie Tomasz Stanko - und er kann im gesamten Spektrum zwischen Bop und Pop absolut trittsicher komponieren.

Nils Wülker (trumpet, fluegelhorn); Jan vn Klewitz (alto & soprano sax); Lars Duppler (piano, fender rhodes); Dietmar Fuhr (double bass); Jens Dohle (drums, perc.).

Samstag, 5. Juli: Hazmat Modine (USA)

Hazmat Modine (copyright: Uli Balß)
Hazmat Modine (copyright: Uli Balß)

Kleine Mosaiksteinchen aus dem Repertoire von Tom Waits mögen das sein, oder aber die Geschichten, die man sich im dampfenden Treibhaus New York erzählt. Eine Art Klezmer-Blues aus dem Big Apple, der aber ganz intelligent näher an die Ursprünge kommt: Mehr New Orleans, mehr Süden, mehr Blues, tiefer in die Baumwollfelder hinein und rauer als Screamin Jay Hawkins mit seinem Voodoo-Touch. Als die New Yorker Band Hazmat Modine 2007 ihr Debütalbum veröffentlicht, werden Blues-Liebhaber weltweit hellhörig. Der Grund: Bahamut ist weniger ein klassisches Bluesalbum als vielmehr die gekonnte Verbindung von Blues, Jazz, Gipsy, Rocksteady, Country und Bluegrass.

Ungewöhnlich ist auch die Instrumentierung, mit der Hazmat Modine ihre Songs spielen. Neben Gitarre, Schlagzeug, Kontrabass und Saxophon sind auch Tuba, Trompete und Harmonica wichtiger Bestandteil des Hazmat-Sounds. Chef der neunköpfigen Band ist Wade Schumann. Seine Vorliebe für frühen Blues und Musik der 20er und 30er Jahre ist für Hazmat Modine stilprägend. Neben Schumann gehören eine ganze Reihe profilierter Musiker zu Hazmat Modine. Bill Barrett´(Harmonica), Joseph Daley (Tuba) und Richard Huntley (Schlagzeug) bringen viele Jahre Studioerfahrung mit in die Band ein.

Pete Smith (Gitarre) und Pamela Fleming (Trompete) spielen in der gleichen Liga. Sie haben schon mit Norah Jones, Burning Spear und Dennis Brown die Bühne geteilt. Dennoch klingt “Bahamut” weder altersweise noch traditionell, sondern verblüffend intelligent und cosmopolitisch. Der Sound von Hazmat Modine ist eine kollektive Reise durch das Amerika des 20. Jahrhunderts mit dem langen musikalischen Atem einer fundierten Bildung. Ihre erste Europatournee im vergangenen Jahr war ein einziger Siegeszug über die europäische Festivalbühnen, ARTE produzierte einen Film über das Ensemble und die Band wurde sogleich mit dem BBC Music Award geehrt. Das Jahr 2008 führt diese außergewöhnlichen Musiker zu Konzerten rund um den Globus. Live sind sie einfach mitreißend und werfen ihre musikalischen Netze abseits der Folklore Klischees aus.

Sonntag, 6. Juli: Dendemann (D)

Dendemann (foto credit: Tina Punkt)
Dendemann (foto credit: Tina Punkt)

Seine Markenzeichen sind seine kratzige Stimme und humorvolle, wortspielverliebte Raps, in denen skurrile Geschichten aus dem Alltag behandelt werden. Dendemann hat sich für sein heiß erwartetes, lang ersehntes und natürlich restlos überzeugendes Solo-Album Die Pfütze des Eisberges Beatverbot erteilt, um Arbeitsprozesse zu vereinfachen. „Ich höre ja gerne Musik von anderen Leuten, aber es ist was ganz anderes, dazu zu reimen und es mir letztendlich recht zu machen“, sagt Daniel Ebel.

Satte drei Jahre nach der 2003er EP DasSchweigenDilemma verbrachte der wohl beste deutsche MC damit, sich Rhythmen und Sounds von anderen Leuten anzuhören. Die Klang-Fundamente legten letztendlich Jansen & Kowalski und die Audiotreats aus Mainz. Die sauber gedrechselten Worte, irrwitzigen Neologismen und akrobatischen Reime fügte Dendemann im Anschluss dazu. Das brauchte viel Zeit, in der - um mal mit einem alten Presseinfo des gebürtigen Sauerländers zu sprechen – Augenblicke zu Jahren und Bäume zu Papier wurden. An einem Kreativloch lag das aber nicht, „…ich schreibe einen Text schon in 2 bis 3 Nächten, nur kann ich das nicht 3 mal die Woche, deshalb dauert es einfach manchmal“.

Dendemann spricht zu satten Beats über Dinge, die er kennt, die er beobachtet hat, ohne zum Feldforscher oder Oberlehrer zu werden. Die Buchstaben bleiben seine „26 Freunde“, die verbalen Grenzen von Proll und Poesie des jungen Mannes mit Wohnsitz Hamburg überlappen sich dabei manchmal. „Ich kann nicht verleugnen, aus dem Ruhrgebiet zukommen und mit blöden Bauernweisheiten, Volksmund, Floskeln und dämlichen Sprüchen aufgewachsen zu sein. Eigentlich verdienen meine Eltern Credits“, sagt der selbstbewusste, aber nicht großmäulige Mic-Meister.

Besonders auffällig an dem exzellent produzierten, recht flüssigem Album Die Pfütze des Eisberges ist, dass Dendemann Inhalte den Worte nicht mehr anpasst oder gar unterordnet und sich seine Reimkunst noch gesteigert hat. Unterstützt wird er dabei von DJ Suro aus Deutschland, Static & Nat Ill aus Dänemark und von je nach Konzertort wechselnden anderen Künstlern. Wer auch nur einen Hauch eines 70er-Babys oder eines 80er-Kindes in sich trägt, reitet mit Tränen in den Augen auf der Dendermann-Welle. Es stimmt eben doch: “Jedes kleine d hat ein großes Ende, Mann!” Konkurrenz ist nicht in Sicht.

Mittwoch, 9. Juli: Joe Jackson (GB)

Joe Jackson (Quelle: www.prknet.de)
Joe Jackson (Quelle: www.prknet.de)

Berlin, die neue Wahlheimat, scheint Joe Jackson ähnlich zu inspirieren wie New York. Doch zu Kudamm und Kreuzberg passt nicht der gleiche Pomp wie zu Times Square und Hudson River. Mit karger Triobesetzung schafft Joe Jackson eine Spannungsdichte, die er seit “Night and Day” nicht mehr erreicht hat. Joe Jackson schuf mit seinen langjährigen Wegbegleitern Graham Maby und Dave Houghton ein beseeltes Songkompendium, das gleichzeitig ein dickes Kompliment an die Stadt Berlin ist. So viel urbane Vitalität, wie sie uns hier aufgetischt wird, würde man der Spreestadt gar nicht zutrauen - sondern eher darauf tippen, dass doch eher die Sehnsucht nach N.Y.C. Jacksons Triebfeder war.

Joe Jackson liebt die gewagte Idee und den großen Wurf. Schon an den Titeln seiner Aufnahmen wie “Body And Soul”, “Night And Day” lässt sich ablesen, dass er die Dialektik der Gegensätze liebt. Mutig und mit kompetentem Beistand (z.B. Suzanne Vega und Crash Test Dummies’ Brad Roberts auf “Heaven And Hell”, 1997) kann er das Seichte genau so wagen wie das Pathetische, ohne dass es peinlich wird. Niemand wirft diesem Mann Rückwärtsgewandheit vor, wenn er Alben wie “Volume 4″ oder “Rain” wieder neu einspielt und damit auch frühere Stilmittel wieder aufgreift. Der Mann hat einen schrägen Verstand, eine geraden Rücken und eine ehrliche Haut.

‘Rain’ ist die Genre übergreifende Antwort eines Künstlers, der stets die Grenzen seiner Begabung austestet und somit typisch für den Eklektizismus in Jacksons Karriere, die schon drei Jahrzehnte andauert. Wie der Albumtitel schon andeutet, ist dieses neue Programm an vielen Stellen eher melancholisch, aber es platzt auch vor Humor, ist voller Swing und Raffinesse, boshafter Gesellschaftskritik und echten Rocknummern. Der rote Faden ist die Schlichtheit, die man wahrnimmt, wenn man Jacksons charakteristisches Piano und seine Stimme, Mabys komplexen und melodiösen Bass sowie Houghtons facettenreiche Drums hört.

‘Rain’ prahlt mit einem breitem, großen Sound, ist offen und dennoch dicht und auf Jacksons solides Handwerk in punkto Songwriting fokussiert, jener einmaligen Verschmelzung von Pop, Rock, Jazz und klassischen Ideen; dazu kommen Texte mit tiefen, verständnisvollen Einblicken in die menschliche Seele - geschrieben von einem Mann, der selbst als überaus sensibel, scharfsinnig und schwierig gilt. Über die vierjährige Pause zwischen den letzten Alben bemerkt Jackson: “Ich hatte es nicht eilig. Ich hatte mir geschworen, erst dann wieder ein Album heraus zu bringen, wenn ich genügend Songs zusammen hätte, die gut genug sind. Ich glaube, dass einige der Songs zu den besten gehören, die ich je geschrieben habe“. So hört es sich auch an!

Donnerstag, 10. Juli: Curtis Stigers (USA)

Curtis Stigers (Quelle: www.Karsten-jahnke.de)
Curtis Stigers (Quelle: www.Karsten-jahnke.de)

Als Curtis Stigers 1991 sein titelloses Debütalbum veröffentlichte, eroberte er die Popwelt im Handstreich: Das Album landete auf Platz 1 der Heatseeker-Charts von Billboard, verkaufte sich über 1,5 Millionen Mal und brachte dem Debütanten mehrere Platinum-Auszeichnungen in aller Welt ein. Mit “I Wonder Why”, “Never Saw A Miracle”, “Sleeping With The Lights On” und “You’re All That Matters To Me” enthielt es zudem gleich vier selbstverfaßte Hit-Singles, von denen es zwei in die Top 10 schafften.

Einen weiteren Erfolg verzeichnete Stigers im darauffolgenden Jahr, als er für den Soundtrack des Kinofilms “The Bodyguard” (mit Whitney Houston und Kevin Costner in den Hauptrollen) eine wunderbare Interpretation von “(What’s So Funny ‘Bout) aufnahm. Mit seiner leicht rauhen, soulgetränkten Stimme und einer wunderbar sonoren Phrasierung auf dem Tenorsaxophon zeichnet Curtis Stigers für eine unverwechselbare musikalische Persönlichkeit.

Auf seinem neuen Album “Real Emotional” demonstriert Stigers zum einen seine Talente als Songwriter, zum anderen aber auch sein Können als einzigartiger Interpret moderner Pop-Klassiker. Neben drei selbst verfaßten Stücken (zwei entstanden mit Pianist Larry Goldings als Coautor, einer mit Curtis’ jüngerem Bruder Jake) bietet das Repertoire von “Real Emotional” Songs aus der Feder von Bob Dylan, Emmylou Harris, Tom Waits, Mose Allison, Paul Simon, Randy Newman und Hoagy Carmichael. Was Curtis Stigers von vielen anderen Jazzsängern heutiger Tage unterscheidet, ist seine Fähigkeit, selber exzellente Songs zu schreiben. “Ich strebe nach einem komplexen und sich stets wandelnden eigenen Stil”, sagt Stigers. “Das macht es schwierig, mich in eine Kategorie einzuordnen. Ich singe wunderbare Liebeslieder, aber ich bin nicht wirklich ein Crooner. Ich schreibe eigene Songs, aber ich bin auch nicht nur ein Singer/Songwriter“. Mit „Real Emotional“ wendet sich der Sänger wieder seiner ursprünglichen Liebe zu: dem Jazz.

Curtis Stigers (voc.); Matthew Fries (piano); Phil Palombi (bass); Keith Hall (drums).

Freitag, 11. Juli: Get Well Soon (D)

Get Well Soon (photo credit: Jan Windszus)
Get Well Soon (photo credit: Jan Windszus)

„Rest Now, Wearly Head You Will Get Well Soon” ist ein kleines Wunder, das aus allen Nähten platzen möchte vor lauter Referenzen. Songwriting, ambitioniert und frisch – Opulenz und Eleganz in kongenialer Zweisamkeit. Nach den Auftritten in Glastonbury und beim Electric-Picnic-Festival in Irland sorgen Get Well Soon, die deutsche (sic !) Band um Konstantin Gropper auch hierzulande für Furore.

Gropper hat mit seinem Debüt dramatische Breitbildepen geschaffen, die sich dank ihrer Schönheit zu Durchhaltehymnen wandeln. Songs wie “I sold my Hands …” erinnern an Sigur Rós, und Gropper singt mit einer Stimme, die je nach Tonlage an Thom Yorke, Tom Waits oder Nick Cave erinnert. Er erfindet eine grandiose Coverversion von Underworlds “Born slippy” und mit “Witches! Witches! Rest now in the Fire” eine irrwitzige Michael-Holm-Variation. Konstantin Gropper mag Stanley Kubricks Werke und so bunt und schwelgerisch wie dessen Filmkunst ist auch die Musik von Get Well Soon. Konstantin Groppers Devise: überschwängliche Melodien pfeifen statt Trübsal blasen.

Er ist klassisch ausgebildeter Multiinstrumentalist, Popakademiker, aber in erster Linie romantischer Melancholiker. Barockes Weltuntergangsdrama, fantastisches Abenteuer, Murder Story, Italo-Western, Beirut-Balkanschlager und jede Menge Herzschmerz-Tragödie – Get Well Soon liefern den Score für weltabgewandte Tage vorm emotionalen Heimkino. Schwermütiges Kraftfutter für die Seele, das erst demoralisiert und dann mit einem erbauenden Gefühl von Frühling wieder aufrichtet: “And then the sky cleared up / And everything you said became true to me”. Wir legen uns hier einmal fest: eine der schönsten Platten des Jahres. Bezaubernd, intelligent und elegant krachend. Auf der Bühne wächst das Einmannprojekt zur achtköpfigen Band mit Akkordeon, Geige, Trompete und mehr - und dann taugen nur noch Arcade Fire und Bright Eyes als Orientungsgrößen. hier aus allen Nähten platzen möchte vor lauter Referenzen. Ein Songwriting, so ambitioniert und frisch und heutig, dass es einem süße Stiche in die Brust versetzt.” TAZ

Samstag, 12. Juli: An Pierlè & White Velvet (B)

An Pierle (Quelle: www.Karsten-jahnke.de)
An Pierle (Quelle: www.Karsten-jahnke.de)

Es gibt Stimmen, die sind einfach unglaublich. Die von An Pierlè erfüllt diesen Tatbestand schon am Telefon. Das ist nicht einmal ihr charmanter französischer Akzent beim Englisch sprechen, dass ist eher so dass Gefühl, mit ihr auf einer Sommersonnenwiese zu sitzen und sie findet gerade den Korkenzieher unter dem Picknickkorb, lacht ganz kurz und öffenet dann den Weisswein – eben wundervoll. Noch schöner wird es, wenn die Belgierin ihre Stimme zum singen benutzt, denn die Songs rauben einem schlicht den Atem. Man mag sie für eine Art Waldelfe halten, doch wenn sie dann auf der Bühne steht und ihre wunderbar schräge Poesie unter dasVolk bringt, ist das ebenso überraschend wie umwerfend.

Als Vorbilder mögen Aimee Mann und Tori Amos herhalten, doch entzieht sich An Pierlè der Kategorisierung. Der belgischen Songwriterin, Sängerin und Pianistin ist auf ihrem neuesten Album der Spagat zwischen Pop und Avantgarde gelungen. Ihre betörende Stimme, ihr Pianospiel und die klugen Songs schaffen eine solch spannende Atmosphäre, wie man sie sonst nur von Kolleginnen wie beispielsweise PJ Harvey kennt. So überraschen die geschmackvollen Melodien zwischen Blues, Rock und Pop gern auch mal jäh durch eruptive, noisige Gitarren und bleiben so stets unberechenbar. Eine echte Entdeckung! Denn was Koen Gisen, der Partner in Crime,mit Sängerin An Pierlé, am Klavier und anderen Instrumenten sowie am Computer in der gemeinsamen Wohnung produziert hat, wird Belgien auf der Pop-Landkarte hell aufleuchten lassen.

Doch was heißt hier Pop? An Pierlé & White Velvet ragen aus der unübersichtlichen Masse der Pop-Bands mit Sängerin durch eine überbordende Vielfalt an zarten elektronischen Sounds, an überraschenden und dennoch weichen Übergängen von einem Melodiebogen zum nächsten heraus. So entfaltet sich innerhalb eines Songs eine stetigem Wandel unterworfene Klangwelt voller Anmut und Reichtum. Woran die Sängerin entscheidenden Anteil hat. Gern wird An Pierlé mit Kate Bush verglichen. Was bei der Tonlage seine Berechtigung haben mag: hell und klar ihr Gesang, gleichsam schwebend. Kratzbürstig kann sie freilich auch, wie “Not The End” beweist, ein rauer Song mit harschen Gitarren. Viel häufiger erhebt sich ihr Feen-Gesang über fein ziselierten Synthie-Sounds. Oder sie wechselt von den entrückten, hohen Tönen ins erotisch-dunkle Timbre, gibt so “I Love You” ihr verwirrendes Gepräge.

White Velvet sind: Koen Gisen (git. & voc.); Klaas Delvaux (bass, cello & backing voc.); Peter De Bosschere (drums & backing voc.); Tom Wolf (acc. git, bass, backing voc.); Domenique Vantomme (keys.)

Sonntag, 13. Juli: Tingvall Trio / The Bad Plus (S/D/Cuba)

Tingvall Trio (Quelle : www.skiprecords.com)
Tingvall Trio (Quelle : www.skiprecords.com)

Die knorrigen Bäume im Nebel auf dem Cover von „Norr“ lassen zuerst an alte ECM-Aufnahmen denken. Doch sobald die Musik zu hören ist, sind heutige Sounds angesagt. Musik, die einen umstandslos anspringt wie das witzig kantige „Mjau“, oder das dunkel bollernde „Monster“. Energie ist ein wichtiger Parameter für den schwedischen Pianisten Martin Tingvall. Wie ein Sturm treibt er die Melodien vor sich her, lässt dann und wann eine burleske Böe aufwirbeln, auf dem Weg zum Gipfel einer Steigerung, die eben noch ganz ballanesk begann.

„Utskit“, der Opener des neuen Albums „Norr“, ist so ein Titel: eine kleine Melodie, zunächst auf dem Klavier ausprobiert, dann auch von Bass und Drums aufgenommen; und nach rund fünf Minuten scheint das Klavier an den Grenzen seiner Ausdrucksmittel angelangt, bevor es noch lange Sekunden ausklingt. Martin Tingvall kann sich auf seine zwei Partner verlassen; die Chemie im Tingvall Trio ist eine jederzeit explosive: Den Schlagzeuger Jürgen Spiegel traf Martin Tingvall bei einer beachtlichen Session in Groningen, der kubanische Bassist Omar Rodriguez Calvo bekannt aus den Arbeiten des Soul-Duos Orange Blue komplettiert das Tingvall Trio.

The Bad Plus (photo credit: Mike Dvorak)
The Bad Plus (photo credit: Mike Dvorak)

Bad Plus gelten als das lauteste Pianotrio des Jazz und können selbst am lautesten über diese Kategorisierung lachen und hätte es jemals eine Antwort auf Frank Zappas ketzerische Frage: „Does humor belong to music?“ gegeben – sie hätte so geklungen wie die Musik von Bad Plus. Der Erfolg von Bad Plus lebt von ideenreichen Improvisationen in Form verrückter Eigenkompositionen und schaurig schöner Cover-Versionen. Allein der Blick über den jazzigen Tellerrand hinaus, ist ein Verweis darauf, dass hier keine missgelaunten Puristen am Werk sind. Wohin sich das Kollektiv in seiner Musik bewegt, ist nie absehbar. So wenig, wie die Frage, was Nirwanas „Smells like Teen Spirit“ mit „Flim“ von Aphex Twin gemein hat – außer dem Fakt, dass sich beide Titel zwischen „Heart of Glass“ von Blondie in wunderbaren, liebevoll zerlegten Interpretationen von Bad Plus gelegt haben.

Die einzige Regel, die dieses Trio akzeptiert, ist die der Qualität und der Kommunikation – kategorische Imperative sind ihnen völlig fremd. Sie finden, dass nur die Phantasie die Grenzen des Jazz festlegen sollte, nicht der Stil. Reid Anderson am Bass, Ethan Iverson am Piano und David King an den Drums überraschen durch ein schier unglaubliches Transformationsvermögen. Sie erzählen von der Dekonstruktion verschiedener Einflüsse und vermeiden den Begriff der Fusion. Statt dessen übertragen sie die von Dance, Pop und Rock inspirierten Tonfolgen in ihre eigene unerschütterliche Sprache aus reinem Jazz. Davon lassen sich auch eingefleischte Popmusik Hörer anstecken und die „echten“ Jazzer jubeln ihrem Stern am Himmel zu. Bad Plus sind Seelenpunker im Jazz-Gewand, ebenso humorvoll wie virtuos.

Mittwoch, 16. Juli: Orchestra Baobab (Senegal)

Orchestra Baobab (photo credit: Jonas Karlsson)
Orchestra Baobab (photo credit: Jonas Karlsson)

Es muss ein rauschendes Nachtlokal gewesen sein, der Club Baobab. Im Herzen Dakars gelegen, zog er nicht nur Amüsierwillige an, hier verkehrten in den Siebzigern Minister und hohe Staatsgäste. Der Champagner floss in Strömen und zu besonderen Gelegenheiten kehrte sogar der Staatspräsident ein, der berühmte Léopold Senghor. Das Baobab war eine Schule des Lebens für das nach ihm benannte Orchester, das an vier Abenden die Woche zum Paartanz aufspielte. Hier fand es zu seinem Repertoire, hier entstanden sehnsüchtige Liebesschlager mit lateinamerikanischen Einschlag wie Colette oder Coumba.

Vielleicht hat es aber auch sein Gutes, dass der Club am Ende eines bewegten Jahrzehnts geschlossen wurde. Befreit von den Fesseln der Realität, wird in der Erinnerung alles noch ein wenig goldener, als es in Wirklichkeit war. Clubs wie das Baobab mit seinen Wandmalereien und einem künstlerisch gestalteten Affenbrotbaum als Theke repräsentierten die panafrikanischen Ideen des Dichterpräsidenten und kulturellen Nationalisten Senghor. Die Nähe zur Macht bescherte den Musikern eine delikate Rolle: Sie wurden zu Botschaftern ihres Landes. Auf Fotografien aus den Siebzigern sieht man sie mit beachtlichen Afrofrisuren aus Flugzeugen steigen und im befreundeten Ausland aufspielen – Jetset in einer afrikanischen Variante. Sie bereisten Guinea, Kamerun und Tunesien. Der Horizont erweiterte sich und mit ihm das Repertoire.

An diesem Punkt hätte die Erfolgsstory Historie sein können, wäre nicht Nick Gold aufgetaucht, der Mann, der schon dem Buena Vista Social Club zu spätem Ruhm verhalf. Nick hat sie alle wieder ausfindig gemacht, erzählt Balla, der Bandleader, den einen hier, den anderen dort, Attisso in Togo, wo er wieder seinem ursprünglichen Beruf als Anwalt nachging, ihn selbst bei seinem bescheidenen Brotjob als Hotelbarmusiker. Nach zwei Jahren der Telefonate und Recherchen war fast die gesamte Originalbesetzung wieder beisammen. Mit Youssou N’Dours und Nick Golds Segen entstand vor sechs Jahren Specialist In All Styles, die auch im Ausland gefeierte Comeback-CD, und anschließend, im verstetigten Erfolg, Made In Dakar.

Wieder hat man gemeinsam im Fundus von fast vier Jahrzehnten Bandgeschichte gegraben und Liedgut hervorgeholt, das viele in Westafrika noch aus dem Radio kennen. Aline etwa, einen Evergreen auf Rumbabasis, oder Nijaay, eine schmissige, von Wahwah-Attacken auf der Gitarre vorangetriebene Ermahnung an weibliche Fans, für den Samstagabend die besten Kleider aus dem Schrank zu holen. Nijaay, sagt Balla, sei einer ihrer ersten großen Hits gewesen. »Aber ich glaube, wir hatten fast nur große Hits.« Tatsächlich scheint das Orchestra Baobab heute im Senegal ein ähnlich altersloses Publikum anzuziehen wie in Europa. Einmal, es war nach einem Konzert in San Francisco, erzählt Balla, sei Carlos Santana hinter die Bühne gekommen. Es herrschte großes Durcheinander, man habe ihn erst richtig erkannt, als er seinen Hut abgenommen hatte. Attisso, der schon immer ein großer Anhänger von Santanas Musik war, sei auf die Knie gegangen, um dem Meister zu huldigen, doch der habe es nicht zugelassen, sondern das Orchestra Baobab als die wahren Meister bezeichnet. »Das war natürlich ein Moment großen Stolzes für uns«, sagt Balla Sidibe. Wer weiß, vielleicht wird Carlos Santana auf einer ihrer nächsten Platten mitspielen. Angefragt ist er schon, und ausschließen soll man im Leben nichts. Aber das wäre noch mal eine andere Geschichte.

Donnerstag, 17. Juli: Mayra Andrade (Kapverden)

Mayra Andrade (Quelle: www.f-cat.de)
Mayra Andrade (Quelle: www.f-cat.de)

Die junge Sängerin Mayra Andrade ist die Entdeckung der Kapverdischen Inseln und neben der famosen Cesaria Evora eine zweite große Stimme der Inseln. Auf Kuba geboren, kam sie schon in jungen Jahren um die Welt und wuchs unter anderem. im Senegal, in Angola, auf den Kapverden und in Deutschland auf. Als sie 2002 nach Frankreich kam, stellte Mayra sich im Vorprogramm der kapverdischen Legende Cesaria Evora einen großen Publikum vor. 2005 lud Charles Aznavour sie ein, für dessen neues Album mit ihm gemeinsam ein Duett zu singen.

Auf ihrem Debüt-Album “Navega” zeigt sie, dass sie auch musikalisch wahrlich eine Weltenbummlerin ist. „Navega“ wurde mit dem Preis der Deutschen Schallplattenkritik geehrt. Mayra Andrade bewegt sich stilistisch zwischen Latin und Jazz; verbindet brasilianische Einflüsse “Tunuka” mit Flamenco “Lapidu na bo”, bevor sie wieder in Songs wie “Dispidida” und “Navega” die Schönheit der kapverdischen Musik und ihre melancholische Stimmung einfängt. Ganz zart wird die Gitarre gezupft, weich fällt die Stimme ein: “Kant du ma demokrasia/Ma stba sukundidu”; “Man hat mir gesagt, die Demokratie sei wie ein versteckter Schatz”, erzählt sie auf Kriolu. Aber der Rhythmus brodelt schon. Bald wird aus dem vorsichtigen Tasten ein kraftvoller Rausch, ein exotisches Gedicht, eine weite Reise. Das Ziel: die Kapverden, Heimat im Herzen und Amalgam unterschiedlichster Kulturen.

Mayra Andrades Stimme verfügt über eine ausdrucksstarke, exotische Eleganz und nun darf das internationale Publikum die Früchte ihrer cosmopolitischen Lehrjahre ernten: schmeichelnde Liebeserklärungen an die Kapverden, die die Traditionen der afrikanischen Inseln mit brasilianischer Leichtigkeit und verführischem Flamenco mischen. Die Band schlägt einen frischen Ton an, eine urbane Variante der melancholischen Melodien der Kapverden. Paradiesisch.

Freitag, 18. Juli: Ida Sand (S)

Ida Sand (photo credit: Jim Rakete)
Ida Sand (photo credit: Jim Rakete)

Nils Landgren, der bereits Esbjörn Svensson, Viktoria Tolstoy oder Rigmor Gustafsson die Türen zum deutschen Markt geöffnet hat, hat eine neue Entdeckung in Schweden gemacht, die mit erstaunlich erdiger Soulstimme daherkommt: Ida Sand. Doch diesmal kommt aus dem schwedischem Talentpool keine dieser entrückt intonierenden Elfen. Dies hier klingt erdig-markant, vom Blut des Blues durchtränkt und jazzverwittert.

Nils Landgren bringt es auf den Punkt: “With the gospel in her soul, pure gold in her voice and soul in her body an yet, she is from Sweden of all places”.”Meet me around midnight”, das Debütalbum der schwedischen Sängerin ist ein hervorragendes Album an der Nahtstelle zwischen Soul, Pop, Blues, Jazz und Gospel. Ida Sand wuchs in einem musikalischen Umfeld auf, die Mutter Kirchenorganistin, der Vater Opernsänger. Trotzdem hat sie sich das Klavierspielen und Singen autodidaktisch erarbeitet.

Mit mächtigem Volumen, viel Sensibilität und manchem Loop, der an Donny Hathaway erinnert, macht sich die Vocalistin über Eigenkompositionen und viele puristisch instrumentierte Coverversionen her, die von Bill Withers`“Use Me“ bis zu „Here comes the rain again“ von den Eurythmics reichen. Man staunt über eine solche klangliche Vielschichtigkeit, die mühelos zwischen innigstem Seelengefühl und unbekümmerter Frische pendelt. Ida Sand schichtet Texturen, die wunderbar transparent und unkompliziert elegant sind. Wir stellen uns vor, wie Humphrey Bogart an der Bar sitzt und mit Joe, dem Pianisten plaudert. Es gibt da ein flirrendes Gefühl von Einsamkeit und Sehnsucht. In Schweden nennt man die Stunde ab Mitternacht ‚die Stunde des Wolfes’. In der hat Ida Sand trefflich geheult.

Ida Sand (voc., piano, keys); Ole Gustafsson (guitar); Andreas Helund (drums); Thobias Gabrielsson (bass).

Samstag, 19. Juli: Sandy Dillon (USA/GB)

Sandy Dillon
Sandy Dillon

Sie bricht jede Illusion einer perfekten Inszenierung, und genau in jener Differenz zwischen Hochglanzoriginal und zerkratzter Kopie liegt die berührende Schönheit ihrer Musik. Die Amerikanerin Sandy Dillon spielt im organisierten Chaos und singt auf den Spuren von Tom Waits. “I was born to hoarse”, erklärt Sandy Dillon, ein weiß geschminkter Kobold, der im Walde singt, um sich nicht zu fürchten, und zugleich die heisere, verrauchte Stimme des Wolfes übernimmt. Wohin mit ihr? In eine Ecke mit den wilden Girls oder zu den gitarrensoliden, komponierenden Sängerinnen, an die Bar zu den Töchtern von Blondie? Eher dann wie Tom Waits oder Nick Cave, immer hart an der Grenze, hinter der die eigene Parodie lauert? Sandy Dillon verfügt über eine Stimme, die röhrt, krächzt und rumort. Ja, Sandy Dillon ist so etwas wie die weibliche Reinkarnation eines Tom Waits. Klagend, stöhnend, keifend trägt sie ihre Songs vor, die vor sich hinrumpeln, als wäre mal wieder der große Treck mit Pferdchen samt Planwagen gen Kalifornien unterwegs.

Als Absolventin der Berklee School Of Music hat sich Sandy ein Qualitätssiegel an die Brust geheftet, das über jeden Zweifel erhaben ist. Sie kann gar nicht anders, als schräg zu singen und polternde Rhythmen bzw. verquere Sounds zu produzieren. die musikalischen Wurzeln reichen tief in den Blues - Send Me To The ‘Lectric Chair wurde von Bessie Smith ebenso gesungen wie von Dinah Washington -, berühren die melancholischen Liebeslieder der dreißiger Jahre, die Gefühlslagen einer Billie Holiday. Mit einem entscheidenden Unterschied, es sind Lieder, aus denen die Frauen mit heiler Haut davonkommen: “Torch songs where the woman doesn’t get burnt.” Und dazu - als garantiere diese Stimme nicht schon genügend Distanz zu Vorbild und Modell - mit jenem musikalischen Material unterlegt, das in Garagen rumliegt, mit dem blechernen Scheppern von Gitarren, dumpfen Trommeln auf Blechfässern, knochenklappernden Rhythmen und heulender Mundharmonika.

Es ist das Instrumentarium, das sich seit Jahren bei Tom Waits stapelt. Inzwischen ist jedoch sogar der Kellerklang zum Genre geworden. Wie das Streichquartett, das Jazztrio oder die unvergleichliche Kombination aus zwei Gitarren, Bass und Schlagzeug, so auch die elektrifizierte Schrott- und Abfall verwertende Avantgarde. Doch Sandy Dillon mischt ihre Holzfällerstimme nur mit Spurenelementen aus jenem Garageninstrumentarium, lässt ihre Melodien im Fluss jener Geschichten treiben, die ganz traditionell von Liebe und Verrat erzählen. Sie erinnern an jene kargen amerikanischen B-Movies mit ihren Storys aus Hollywood und dem Glamour einer Billigproduktion. Wie Cindy Sherman in ihren frühen Fotografien inszeniert sie Gefühle als Standfotos, nicht die großen Szenen, sondern die Momente davor oder danach. Schönheit besteht oft nur aus ein paar gefrorenen Momenten.

Sandy Dillon kommt in Begleitung von Ray Majors (ex-Mott The Hoople, The Yardbirds) und des Londoner Avantgarde-Multitalents David Coulter http://www.myspace.com/davidcoulter). Letzterer fungiert auch als Produzent und bringt ein einzigartiges Instrumentarium mit – von Maultrommel und singender Säge bis zu Nasenflöte und handgemachter Perkussion. Fühlbare Objekte statt digitaler Files, dazu eine durchaus lebensnahe Organisation des Klangs: mal komponiert, mal improvisiert.

“Once you’ve met someone or something’s happened to you it gets stored in this permanent file in your head and that becomes part of the soundtrack of your life. Its constantly growing. If you can imagine an old vinyl record except it keeps getting bigger and bigger so you can never reach the end of the album.” Sandy Dillon

Sonntag, 20. Juli: E.S.T. - Esbjörn Svensson Trio (S)

EST (photo credit: Matthias Edwall)
EST (photo credit: Matthias Edwall)

Am 20. Juli sollte das Esbjörn Svensson Trio - E.S.T. - im Kasseler Kulturzelt spielen. Ein Konzert, auf das wir uns auch als Veranstalter besonders gefreut haben. Esbjörn ist am Samstag, den 14.06.2008 bei einem Tauchunfall in der Umgebung von Stockholm ums Leben gekommen.

Wir als Veranstalter des Kulturzeltes haben zu Esbjörn Svensson und seinen Mitstreitern ein besonders herzliches Verhältnis gehabt - eines der ersten deutschen Konzerte der Gruppe fand im Kasseler Kulturzelt statt. Esbjörn Svensson war ein Glücksfall und ein Erneuerer des Klaviertrio-Jazz. Musiker mit einer solchen Innovationskraft sind selten und Esbjörn Svensson hinterlässt uns das wohl schönste, was ein Mensch der Welt hinterlassen kann: Wunderbare Musik, die mit warmen Herzen entstand.

“Musikalisch war er das Licht der Welt, weil er die Grenzen verschoben hat”, sagte sein Manager Burkhard Hopper über Svensson, “seine Musik hat Menschen in allen Ecken der Welt inspiriert. Er hat immer von sich gesagt, dass er seiner inneren Musik folgen würde.”

Wir sind sehr traurig, daß wir E.S.T. im Kulturzelt nun nicht mehr erleben dürfen.

(bereits gekaufte Karten bitte an den Vorverkaufsstellen zurückgeben)

Mittwoch, 23.7.: Till Brönner (D)

Till Brönner (Quelle: www.Karsten-jahnke.de)
Till Brönner (Quelle: www.Karsten-jahnke.de)

Der David Beckham des Jazz wird Till Brönner genannt; doch vor allem verliert der Trompeter den Blick für seine Wurzeln nicht aus den Augen. “Der wichtigste Faktor im Jazz ist die Freiheit, sich in der Minute, in der Sekunde zu überlegen, was man jetzt eigentlich machen möchte. Wir spielen jeden Abend ein anderes Konzert. Jede Nummer klingt jeden Abend anders. Das bleibt Improvisation und Improvisation ist sehr wichtig. Dann ist es ja fast egal, ob es Jazz oder Pop oder Hip Hop oder Klassik ist.” „Oceana“ verbreitet eine einnehmende, aber einsame Eleganz. Hier klingt der Trompetenton, mal mit, mal ohne Dämpfer, warm und dabei essentiell klar reduziert. Selten zu hörende Melodien von Leonard Cohen bis Nick Drake zeugen von einem erstaunlichem musikalischen Grad an Reife. Unterstützt wird Brönner auf „Oceana“vom Gesang einer illustren Damengesellschaft: Carla Bruni, Madeleine Peyroux und Luciana Souza steuern wunderschöne Songs bei und auch Till Brönner singt, reif und ergreifend „River Man“, den Klassiker von Nick Drake.

Der Trompeter, Produzent, Komponist und Sänger festigt abermals seinen Ruf als deutsches Aushängeschild in Sachen Jazz. Till Brönner ist einer jener Protagonisten, der Jazz ganz zeitgemäß mit Elementen des Rap, HipHop und Ambient verbindet und damit mit schlüssiger Synthese in zukünftige Entwicklungen weist. Till Brönners Instrument ist die Trompete, von der man sagt, dass sie der menschlichen Stimme am nächsten sei. Also singt er mit ihr. Till Brönner hat mit Ray Brown und Peter Herbolzheimer gespielt, aber auch mit Chaka Khan, Joy Denalane und Dee Dee Bridgewater. Er bedient sich eines großen musikalischen Erbes, steift dem Repertoire einen Mantel der Aktualität über, in dem seine eigene Identität Platz findet. Dies alles geschieht mit Respekt und einer selten zu findenden Authenzität. Seine Kunst liegt in der Reduktion auf das Wesentliche, er ist ein Meister der musikalischen Intimität. In den Konzerten des Musikers entsteht eine musikalische Spannung, die fast haptische Qualität hat, gerade so, als könne man die Musik berühren.

Donnerstag, 24.7.: Puppini Sisters (GB)

Puppini Sisters (photo credit: Magnus Hastings)
Puppini Sisters (photo credit: Magnus Hastings)

Willkommen, Bienvenue, Welcome, in der fabelhaft harmonischen Swingwelt der Puppini Sisters! Die brünette Italo-Spanierin Marcella Puppini, die rothaarige Irin Stephanie O’Brien und die blonde Britin Kate Mullins sind augenscheinlich weder verwandt noch verschwägert. Auch Püppchen sind die Damen keine! Aber ein leidenschaftlich launiges Vokalensemble. Aus einer Kaprice heraus, nachdem sie das französische Zeichentrickbonbon “Das große Rennen von Belleville” begeistert hatte (für dessen Filmmusik Komponist Benôit Charest die Klänge der Andrews und Boswell Sisters aufleben ließ).

Noch bevor der französische Tonsetzer dafür im fernen Hollywood mit einem Oscar gekrönt werden konnte, machten sich die drei Sängerinnen auf eigene Faust daran, die herrlichen Harmoniewelten ihrer Sisters im Geiste zu modernisieren. Mit Witz und Respekt, Talent und Elan besorgten sie sich die glamourösen Kleider der stoffreichen Swing-Ära und gaben ihre perfekt harmonisierten Arrangements von Klassikern wie dem “Boogie Woogie Bugle Boy” und “Jeepers Creepers” zum Besten, aber auch verblüffende Versionen von “Panic” (von The Smiths) oder auch “Wuthering Heights” (von der Pop-Diva Kate Bush) - in einschlägigen Nachtclubs und schwülen Spelunken. Eine freudentrunkene Anhängerschaft, nicht ausschließlich - aber doch überwiegend - männlich, folgte ihnen bald von Auftritt zu Auftritt. Woraufhin die sensationellen Sisters einen Managementvertrag mit den ehemaligen Beratern der Cocteau Twins und Smashing Pumpkins ebenso wenig ausschlagen konnten wie einen Schallplattenvertrag mit der Weltfirma Universal Music.

“Wo wir auftreten, gewinnen wir die Herzen des Publikums”, freut sich Marcella. Die Puppini Sisters selbst bezeichnen ihren musikalischen Stil als “Vintage Swing Pop”. Das Trio haucht nicht nur, nein, auf ihrem Debütalbum “Betcha Bottom Dollar” pustet es den Sound der dreißiger und vierziger Jahre so richtig von Herzen durch. Ihr zweites Album „ The rise and fall of Ruby Woo“ emanzipiert sich ein wenig vom Genre, hier gibt es nun auch eigene Kompositionen und originelle Coverversionen zu hören, die nicht in der Swing-Ära zu verorten sind. Songs wie „Walk like an Egyptian“ von den Bangels oder Barry Manilows „Could it be magic“ tut der ironische Appeal des Trios enorm gut.. Ruby Woo übrigens, die geheimnissvolle Titelheldin des Programmes ist ein knallroter Lippenstift über den der englische Observer schrieb „Very Ditta von Teese“

Freitag, 25.7.: Accordion Tribe (USA/A/S/FN/SLO)

Accordion Tribe (photo  credit: Dragan Tasic)
Accordion Tribe (photo credit: Dragan Tasic)

Fünf der innovativsten Akkordeon-Spieler und -Komponisten der Welt: Der New Yorker Guy Klucevsek, der blinde Wiener Musiker Otto Lechner, Finnlands berühmteste Akkordeonistin Maria Kalaniemi, der virtuose Slowene Bratko Bibic und der Schwede Lars Hollmer, von dem Insider behaupten, dass er der genialste zeitgenössische Schöpfer neuer Melodie-Linien sei. Unter dem Namen «Accordion Tribe» haben sich die fünf zusammengetan. Und was sie, scheinbar verspielt, de facto aber konzentriert nach den Wurzeln der Musik tastend, ihren Instrumenten entlocken, ist schlicht einmalig: Trancenhaft intensive Musik, befreit von jeder Konvention und gleichwohl auf ihre Herkunft aus Jazz, Klassik und der Volksmusik verweisend.

Sie sprechen von Gefühlen und Abenteuer, über Herz und Lunge, wenn sie von ihrem Instrument erzählen. Sie leben in New York, Uppsala, Helsinki, Wien sowie Ljublijana und haben trotz unterschiedlicher Kulturen und Biografien eine gemeinsame Leidenschaft: das Akkordeon. Der Amerikaner Guy Klucevsek hatte die anderen vier Musiker 1996 kontaktiert, um mit ihnen zusammenzuspielen: so entstand die Formation Accordion Tribe. Ihre Konzertreise wurde ein Erfolg, 2002 gingen sie ein zweites Mal auf Tournee - begleitet von Filmer Stefan Schwietert. Er porträtiert die fünf Akkordeonisten, filmt sie beim Proben sowie ihren Auftritten und lässt uns der grossartigen Musik zuhören. Tradition als Herausforderung.

Auf höchst eigenständige Weise haben die fünf aus der Volksmusik ihrer Heimat eine Musik jenseits aller Kategorien geschaffen. Ein Doku-Roadmovie mit viel umwerfender Musik. “Wie Guy Klucevsek, der Erfinder und Stammesälteste des ‘Accordion Tribe’, gehöre ich jener Generation an, in der bei Familienfesten noch zu Akkordeon-Begleitung gesungen und gelegentlich auch getanzt wurde. Was für uns einen schönen Kindheits-Nachhall hat, gilt für die Generation des Regisseurs Stefan Schwietert nicht mehr: Er hasste in seiner Jugend das volkstümelnde Dröhnen der Handorgeln aus dem Radio und entdeckte das Akkordeon erst über den Umweg der Weltmusik für sich. Sein Film ist die schönste Form der Wiedergutmachung. Er zeigt, wie Musik reist. Wie sie, gespeist aus Folklore-Wurzeln, neue Zweige treibt und die überraschendsten Früchte trägt“. (ust, “Ein Erlebnis: Sehen, wie Musik reist”, Ober Östereich Nachrichten, 03.03.2005) (A)

Samstag, 26.7.: Manu Katchè (F/USA/P)

Manu Katche (Quelle: www.artribute.de)
Manu Katche (Quelle: www.artribute.de)

Es ist nach wie vor einen Seltenheit, daß ein Album - zumal im Jazz - kommerziell erfolgreich ist und zugleich auch künstlerisch höchsten Ansprüchen genügt. Dem französischen Schlagzeuger Manu Katché ist aber genau dies mit seinem ECM-Debütalbum “Neighbourhood” gelungen. Völlig zurecht erhielt er folglich sowohl einen Jazz Award als auch den Jahrespreis der Deutschen Schallplattenkritik. Die Kombination der Musiker, die Katché für dieses Projekt und das folgende „Playground“zusammengestellt hat, ist so überraschend wie einleuchtend und überzeugend: der Trompeter Mathias Eick, der Saxophonist Trygve Seim und der Bassist Slawomir Kurkiewicz.

Die Chemie der Formation stimmt absolut, sowohl in der Rhythmusgruppe als auch zwischen den Bläsern. Delikat und entspannt gleichermaßen entspinnen sich die sketchartigen Kompositionen Katchés. Sein luzides Schlagwerk drängt sich nie in den Vordergrund. Ohne die ungeheuer einfühlsamen, aber dennoch stets groovenden Schlagzeugkünste Manu Katchés wäre die Popwelt (und nicht nur die) deutlich ärmer. Katché trat zwar schon Ende der 70er Jahre mit Größen wie der damals in Paris lebenden brasilianischen Pianistin und Sängerin Tânia Maria oder dem Jazzpianisten Bobby Few auf, ins Scheinwerferlicht der Weltöffentlichkeit geriet er aber eigentlich erst ab 1986, nachdem er an der Einspielung von Peter Gabriels Pop-Klassiker “So” mitgewirkt hatte. Seitdem hat Katché mit zahllosen Größen der internationalen Musikwelt zusammengespielt: Sting, Joni Mitchell, Dire Straits, Simple Minds, Tears For Fears, und und und…

Schon dieser gekürzte Auszug aus der Liste der Künstler, die Katché in beinahe zwanzig Jahren begleitete, zeigt zum einen seine geradezu universelle Vielfältigkeit als Drummer, zum anderen aber auch, daß er bei der Auswahl der Musiker, mit denen er zusammenarbeitet, hohe Qualitätsstandards setzt. Das Schlagzeug Manu Katchès scheint zu singen, er verfügt über eine filigrane und elegante Spielkultur, eine poetische Einfühlsamkeit. Seinen Schlagzeug-Stil bezeichnete Katché selbst einmal als ein “Amalgam aus afrikanischen Rhythmuskonzepten und klassischem Schlagzeugspiel, illuminiert durch die ad hoc entstehende Interaktion des Jazz”.

Manu Katchè (drums); Mathias Eick (trumpet); Trygve Seim (tenor & sopran sax.); Slawomir Kurkiewicz (double-bass).

Sonntag, 27.7.: Bobo (D)

Bobo (copyright: Jarek Raczek)
Bobo (copyright: Jarek Raczek)

Es ist ein wirkliches Herzensprojekt, an das sich die Berliner Ausnahmesängerin Bobo (In White Wooden Houses) und der Theatermusiker Sebastian Herzfeld da gewagt haben. Denn bei „Lieder von Liebe und Tod“ handelt es sich um ein Album von Neuinterpretationen deutscher Volkslieder und Gedichte. Die Erwartungen sind hoch bei dieser Konstellation, die Fallstricke gespannt – und dann hebt Bobo mit ihrer glockenhellen Stimme an zu singen.

Wie nebenbei verfliegen alle Zweifel und Vorurteile. Hier wird nichts aufpoliert oder auf neu gemacht. Bobo, Herzfeld und die Klarinettistin Anne Kaftan geben den Liedern Wurzeln und Flügel zugleich. Man meint, manche der alten Stücke zum ersten Mal zu hören, wurden sie doch mit leichter Hand vom Staub der Jahre befreit – Volkslieder zwischen traditioneller Interpretation und Jazzimprovisation, zwischen Pop und Kunstlied. In gleicher Weise hat Herzfeld eigene Kompositionen zu Gedichten Goethes und Eichendorffs geschrieben, die bruchlos zu den bekannten Melodien passen.

Es ist ein ernst zu nehmender Anwärter auf das Album des Jahres, was die Berliner Sängerin und ihre Mitstreiter uns hier präsentiert. Deutsche Volkslieder, vor allem aber große deutsche Gedichte, überwiegend aus Klassik und Romantik, von Sebastian Herzfeld kongenial vertont und extrem reduziert arrangiert wurden. Dabei arbeitet er durchaus eklektizistisch - mal klingt das nach einer Akustikversion von Pink Floyd, mal nach Filmmusik des Minimalisten Philip Glass, und doch ist diese Musik vor allem eines: ein kunstvoll in Bewegung versetztes Bild, besser: eine vollendet theatrale Szene aus den Mitteln der Musik.

Wie Bobo diese großartigen Texte interpretiert, ist von einer Klarheit und Aufrichtigkeit, die nicht nur die Ohren öffnet, sondern das, was all diesen Stücken in mythischer Tradition eingeschrieben ist: die Seele. Ihr Gesang ist eine Anleitung zur Empfindsamkeit. Diese ungewöhnlichen und nicht nur in künstlerischer Hinsicht sehr filigranen Lieder sind durchweg von einer Brillanz, die einen förmlich erschauern lässt. Wer sich auf sie einlässt, wird dieses grandiose Miniatur-Musik-Theater, diesen Kosmos des Kleinen, unendlich bereichtert verlassen.

Mittwoch, 30.7.: Stacey Kent (USA)

Stacey Ken (photo credit: Nicole Nodland)
Stacey Ken (photo credit: Nicole Nodland)

“Stacey ist eine Offenbarung! Sie hat den Stil solcher Größen wie Billie Holiday und Ella Fitzgerald. Und sie singt die Worte wie Nat Cole - sauber, klar und nahezu beiläufig mit perfekter Phrasierung. Besser geht es einfach nicht!” Jay Livingstone (Songwriter- dreifacher Oscar Gewinner). Sorgfalt klingt als Eigenschaft für eine Sängerin vielleicht etwas merkwürdig, aber Stacey Kent ist eine sorgfältige Sängerin. Die Art und Weise, in der sich diese Sorgfalt äußert, hat nichts von Mühe und Absicht, sondern wirkt wie ein Zen-Garten – so selbstvergessen aufgeräumt, dass ein Mensch sich darin ganz auf seine Natur besinnen kann.

In Frankreich ist sie bereits ein gefeierter Star. Nun setzt die aparte Sängerin ihren künstlerischen Weg unter neuen Prämissen fort. Ihr neues Album, “Breakfast On The Morning Tram”, ist zugleich ihr Debüt auf dem Jazzlabel Blue Note. Den Text des Titelsongs sowie die Lyrics zu drei weiteren Songs schrieb der englische Schriftsteller Kazuo Ishiguro (Was vom Tage übrig blieb). Sei es die kristalline Schönheit von “The Ice Hotel”, die wunderbare Stimmung des Titelsongs, das sanfte Fernweh in “I Wish I Could Go Travelling Again” oder das amouröse “So Romantic” Stacey Kent verbindet auf perfekter Art und Weise Poesie, Literatur und Jazz. “Landslide”, eine der schönsten Akustikballaden von Fleetwood Mac, klingt noch zärtlicher und elegischer als das Original.

Selbst bei den ganz herzschweren Interpretationen behält ihre völlig ungekünstelte und intonationssichere Stimme einen Ton stiller Freude. Dazu klingt es aus den, mit dem Besen geschlagenen, Becken des Schlagzeugers Matt Skelton wie sanft klirrende Eiszapfen, John Paricelli spielt die hellen Gitarrensoli und in Graham Harveys Sounds auf dem Klavier kann man die winterlich klare Luft fast riechen. Jim Tomlinson am Tenorsaxophon komponierte einige der Lieder, die natürlich von der Liebe erzählen. Doch Stacey Kent und ihre Band haben den Jazzstandards keineswegs abgeschworen. Ihre Version von „Never let me go“ ist schlicht und bewegend – als wäre es ein Lied von Schubert und „What a wonderful world“ singt sie so tastend und vorsichtig, als käme sie aus einem heißen Land und ginge das erste Mal über Schnee. Stacey Kent gehört ohne Zweifel neben Diana Krall und Norah Jones zu den besten zeitgenössischen Jazz Sängerinnen. “Breakfast On The Morning Tram” ist mit Sicherheit Anwärter auf das Vocal Jazz Album des Jahres 2008.

Besetzung:
Stacey Kent - Gesang
James Tomlinson - Saxophon
Graham Harvey - Piano
Mathew Skelton - Schlagzeug
David Chamberlain - Bass

Donnerstag, 31.7.: The Music Maker (USA)

Music Maker (Quelle: www.Engelhardt-Promotions.de)
Music Maker (Quelle: www.Engelhardt-Promotions.de)

Martin Scorsese und Wim Wenders haben uns wunderschöne Filme über den Blues als Lebensgefühl beschert, jetzt beweisen die Blues Survivors, dass der Blues, wie er in diesen Filmen zu hören und zu sehen ist, auch heute noch existiert.

Die Musikerinnen und Musiker, sind allesamt bewegende Geschichtenerzähler, die ihr Leben viele Jahre abseits des Glamours der Bühnen lebten. HipHop, Soul und Funk eroberten die Welt und so fand Tim Duffy die Legenden des alten Blues als Kellner, als Straßenmusikanten und Fischer in den kleinen Gassen des US-amerikanischen Südens. Diese großen Pioniere des Blues sangen und singen auf Festen, auf den Straßen, in den Clubs. Ihre großen Tage hatten sie auf den Festivals während der Blues-Revival Zeit in den frühen Sechzigern.

The Last & Lost Blues Survivors verdanken ihre Existenz einem Unterfangen, das sich mit großer Leidenschaft für die Erhaltung und Wiederbelebung amerikanischer Blues-Traditionen engagiert: die 1994 von Tim und Denise Duffy ins Leben gerufene Music Maker Relief Foundation. Was als kleines Projekt begann, entwickelte sich binnen eines Jahres zu einer umfassenden musikhistorischen Forschungsreise, die von Eric Clapton begeistert begrüßt wurde. Tim Duffy und seine Musikarchäologen wurden nicht nur in den Archiven fündig, sie spürten auch bejahrte, musikalisch aber jung gebliebene Roots-Musiker auf, wie den Pianisten Eddie Tigner aus Georgia, die lebende Juke Box Adolphus Bell oder die wundervolle Sängerin Pura Fe, die zusammen mit dem Sänger Captain Luke, den Gitarristen Macavine Hayes und Albert White, dem Rhythmusgespann Sol (Bass) und Ardie (Drums) sowie Tim Duffy als musikalischer Direktor und Gitarrist die aktuelle Besetzung von The Last & Lost Blues Survivor bilden, die sich im Sommer 2007 auf eine große Festivaltournee begeben wird.

Mehr als 50 CDs hat Music Maker seit der Gründung im hauseigenen Studio produziert und mit den Erlösen viele fast vergessene Musiker wieder ins Rampenlicht geholt. Dabei geht der gesamte Profit an die Künstler. Die Leidenschaft, die Duffy in Sachen amerikanische Bluestraditionen an den Tag legt, geht weit über die akustischen Wurzeln hinaus.

Die beeindruckenden Liveauftritte der Musiker, die erstmals 2005 auf dem Nancy Jazz Festival zu erleben waren, lösten bei Fans und Kritikern große Begeisterung aus.

The Last & Lost Blues Survivors sind allesamt bewegende Geschichtenerzähler, die den größten Teil ihres Lebens abseits von Ruhm und Erfolg als Straßenmusiker, Kellner, Verkäufer oder Landarbeiter fristen mussten. Ihre großen Tage hatten sie auf den Festivals während der Blues-Revival Zeit in den frühen Sechzigern. Heute, mit der Unterstützung des von Tim Duffy gegründeten Dixiefrog Labels und Kooperationen mit Musikern wie Taj Mahal, B.B. King und Rosanne Cash, die auch auf den CDs zu hören sind, erobern diese fast vergessenen Künstler das Publikum dies- und jenseits des Atlantics und verzaubern mit einer Lebensfreude und Authenzität, wo immer sie auftreten.

Die Konzerte, und noch beeindruckender die Liveauftritte der Musiker zeugen von der enormen stilistischen Bandbreite des Blues – vom tiefen Süden mit dem Bluesharper Georges Higgs bis zu lupenreinem Texasblues. Die alten Aufnahmen und die neuen Auftritte belegen auch, dass es kaum einen populären amerikanischen Musikstil, vom Folk bis zum Jazz gibt, der seine Wurzeln nicht in der Bluesmusik hätte. Diese Musik und ihre Protagonisten scheinen unverwüstlich und die „Blues Survivors“ sind nur den Lebensjahren nach oldtimer, ihr Blues ist über alle Genres hinaus eine zeitlose Reise in ein Land, dessen Einwanderer seine Historie geprägt haben.

„Ein wundervolles Projekt… ein echter Beleg dafür, dass die Musik die ich immer mochte noch vital und wohlauf ist.“ (Eric Clapton).

Freitag, 1. August: Incognito (GB)

Incognito (Quelle: www.bacana.fr)
Incognito (Quelle: www.bacana.fr)

Incognito - der Name ist Programm. Zumal er bestätigt, dass trotz des Erfolgs keiner genau weiß, aus wem diese Band eigentlich besteht. Das dürfte ungewollt sein, doch die Mannschaft von Incognito ist über die Jahre seit der ersten Zusammenkunft schließlich auch eine wechselnde gewesen. Gleichbleibend ist allerdings der Master Mind: Jean-Paul “Bluey” Maunick, Gitarrist, Komponist und das “Studio-Ohr” des Jahrtausends - Schöpfer von Incognito. Und jenem ist in London, als der Dance Hype gegen Ende der 70er gen Höhepunkt zusteuert, der Traum nach eingängiger, clubtauglicher aber deswegen nicht weniger komplexer und improvisationslastiger Musik gelungen. Die damalige überwältigende Existenz von groß besetzten Discofunk-Bands wie Earth Wind and Fire, Weather Report und Ubiquity unter der Leitung von Roy Ayers beeinflussten und inspirierten den Leader of the gang.

Bees & Things & Flowers, ist der jüngste Wurf des legendären Kollektivs; die Musik erinnert vom Stil an die Bill Withers-Alben der 70er Jahre. Brilliante Sängerinnen wie Maysa Leak, Joy Rose, Jocelyn Brown sorgen für wundervolle akustische Neuinterpretationen der Incognito Klassiker wie „Still a fried of mine“, „Always there“ oder das energetische „Everyday“. Incognito unplugged. Die sorgfältige Studioarbeit, die den Live-Tourneen vorausgeht ist Garant für mitreißénde und explosive Performances einer der besten Jazz-Funk Formationen seit Gründung der Band 1979.

„That’s the way of the world” ist eine Hommage an Earth, Wind and Fire, Seelenverwandte im Geiste. Das Credo von Incognito “Beyond colour, beyond creed, we are one nation under the groove” schlägt sich in der multikulturellen Besetzung der Band nieder. Die weltweite Fangemeinde eint dann auch vom HipHoper bis zum Musikkritiker: Die Einen frönen dem Dance-Aspekt, die Anderen begeistern Texte und die phantastische gedankliche Freiheit der Arrangements. Die musikalische Identität Incognitos ist eine globale und steht in diesem Jahr für kunstvoll verwobene Sounds aus Jazz, Soul und Funk. Eine Verneigung vor dem Motown-Sound der 70er Jahre.

Samstag, 2. August: 17 Hippies (D)

17 Hippies  (photo credit: Hanna Lipmann)
17 Hippies (photo credit: Hanna Lipmann)

Die 17 Hippies sorgen alljährlich für einen furiosen Konzertabend im Kulturzelt! Wir grüßen den Rock’n'Roll, den Balkan, Mexiko, den Chanson, Pop und Cajun. Die Lebenseinstellung der 17 Hippies ist herrlich unverdorben und gnadenlos rock n’roll, die Berliner Band existiert seit 12 Jahren und passt so gut in das Kulturzelt Kassel, dass wir sie schon getrost als „Artists in Resident“ bezeichnen können. Ihre Entstehungsgeschichte liest sich wie eine Chronik des Berliner Musik-Lebens seit den 80er Jahren. Heute stehen sie zu dreizehnt auf der Bühne und produzieren diesen typischen »17 Hippies-Sound«: Kontrabass, Banjo, Ukulele und Gitarre sind die rhythmische Basis über die sich das Melodiegeflecht aus Geigen, Violoncello, Accordeon, Klarinette, Trompete und Posaune legt. Traditionelle Musik aus Osteuropa, Frankreich und Amerika wird mit eigener Berliner Prägung versehen. Vor dem Hintergrund anglo-amerikanischer Pop- und Rockmusik fing die Suche nach den eigenen Traditionen an. Im Laufe der Zeit sind dann mehr und mehr eigene Kompositionen und zahlreiche Songs mit Texten auf deutsch, englisch und französisch entstanden. Den Drive und die Fülle der weltmusikalischen Einflüsse haben die 17 Hippies dabei in ein neues Licht gestellt.

Von Anfang an war fast die gesamte Musikerpalette vorhanden: einige waren Rockmusiker und kannten keine Noten. Ein paar andere kamen aus der Klassik, denen war der Groove abhold. Und dann gab es Jazzer, die wieder ganz andere musikalische Vorstellungen hatten. Zusammen haben sie eine eigene musikalische Sprache entwickelt. Der wilde Mix aus Folklore, Pop, Balkan-Klängen schottischen Sumpftiraden und texanischen Twosteps wird per Bass, Klarinette, Trompete, Dudelsack, Accordeon, Banjo und allem anderen, was eben so nötig ist, direkt in Kopf und Hüften des Publikums transportiert. Man probt die Leichtigkeit des Seins und entfaltet dabei ein gewaltiges Phantasiepotential.

Die 17 Hippies, die eigentlich nie 17, sondern 13 waren, sind Vollblutmusiker. Das Kollektiv gehört seit dem Soundtrack von „Halbe Treppe“ zu den Kultfiguren des deutschen Films. Sie komponierten die Musik für das Stück „Kasimir & Karoline“ von Ödön von Horvarth am Deutschen Theater Berlin, spielten jüngst eine CD mit Marc Ribot und Jakob Ilja ein. Die E-Gitarrenklänge geben der Musik noch einmal eine formidable faszinierende Wende. 17 Hippies – dies ist auf einer DVD dokumentiert „The greatest show on earth“ – eine wunderbar reizvolle wie liebenswerte Dokumentation von Künstlern, die sich mit ihrer zutiefst intelligenten Musik viele Ehrungen und Lorbeeren erspielt haben. Sie haben Melodien und Rhythmen der ganzen Welt im Gepäck.

Sonntag, 3. August: Shantel & Bucovina Club Orkestar (SRB/D/A/SLO)

Shantel Bucovina Club Orkestar (photo credit: Harald H Schroeder)
Shantel Bucovina Club Orkestar (photo credit: Harald H Schroeder)

Der Balkan ist dank Shantel im Club angekommen, mit dem Bucovina Club wurde gar eine neue Pop-/Clubkulturwelle ausgelöst, die sich frei von Klischees, ethnologischem Ballast oder musealem Denken an den Klängen Osteuropas erfreut. Angefangen hat alles im renommierten Schauspiel Frankfurt – wo die Bukovina Abende längst Kult sind. Seither versammelt Shantel nächtens eine burleskre Truppe östlicher Musiker rund um seinen Plattenteller – und mit Polka, Punk und Beat nimmt er die ganze Meute mit auf eine musikalische Reise, hinüber in die Bukovina, das ehemalige „Buchenland“. Ein neuer Sound wurde so salonfähig gemacht.

Hier berühren sich Club- wie traditionelle Musik, denn beide sind im besten Sinne niemals statisch, sondern ständigen Veränderungen und Anpassungen an das aktuelle Lebensgefühl unterworfen. Eine andere Inspiration verbindet Shantels Vorleben als Electronica-Produzent mit den Roma: Die Roma, ohne die das musikalische Leben des Balkans undenkbar wäre, hatten die Kunst des Sampelns erfunden.

Auf ihrem langen Weg durch Länder und Kulturen nahmen sie hier eine Hookline, dort einen Rhythmus, ein Melodiefragment oder einen Chorus mit, um sie neu zusammenzusetzen und etwas ganz Eigenes daraus zu schaffen. Im ausgehenden zwanzigsten Jahrhundert wurde Sampling die vorherrschende Produktionsmethode einer ganz anderen Szene - der Electronica- und Dancemusic-Szene. Nicht im sterilen Konzertsaal, sondern im Setting des Clubs oder der Party an einem ungewöhnlichen Ort entfaltet der Sound seine ganze Magie. Und der neue Sound kommt in den europäischen Szeneläden Nouveau Casino und Favela Chic (Paris), Futuro Flamenco/Nottinghill Arts Club (London), P.P.C. (Graz), beim MTV-Festival im größten Club Bukarests, bei den legendären Transmusicales in Rennes, in Tel-Aviv, beim Balkan-Fever-Festival (Wien) wie auch an den Orten der Hochkultur, in den Schauspielhäusern Wien, Hamburg, Stuttgart, in der Berliner Staatsoper und dem Hebbel Theater Berlin oder bei den Wiener Festwochen bestens an.

Als Abschluss des Station-to-Station-Festivals in Florenz ließen sich über 10.000 in den Bucovina Club entführen. Und diese einmalige Atmosphäre und Energie ist im Bucovina Club erlebbar, wenn Menschen, die sich noch nie begegnet sind, gemeinsam den Hora tanzen, die Bühne geentert wird, um direkt vor den Musikern den Cocek zu tanzen oder sich beim DJ einen Schluck Wodka abzuholen. Der Bucovina Club verwandelt jede Location, die er besetzt, in ein exterritoriales Gebiet und schafft ein euphorisches Ereignis allererster Güte, das Altersgruppen und Nationalitäten zusammenführt, durcheinander würfelt.

Auszeichnungen: Sieger des BBC World Music Awards 2006 / Platz 1 der World Music Charts Europe Juli & Jahrescharts 2005 Platz 10 / Best Album of 2005 / Bestes Worldmusic-Album 2005